Deutsche Börse
Francioni sucht Anschluss

Auch nach einem Jahr mit Reto Francioni an der Spitze ist die Zukunft der Deutschen Börse unklar. Er ist seinem Ziel einer Fusion mit dem Konkurrenten Euronext zwar sehr nahe gekommen, aber der Partner sträubt sich. Francioni scheitert bislang am Widerstand der Finanzgemeinde am Sitz des Objektes seiner Begierde.

FRANKFURT. Manchmal scheint sich Geschichte doch zu wiederholen: Dem seit einem Jahr amtierenden Chef der Deutschen Börse, Reto Francioni, geht es wie seinem Vorgänger Werner Seifert. Er ist seinem Ziel einer Fusion mit dem Konkurrenten Euronext zwar sehr nahe gekommen, aber der Partner sträubt sich. Wie Seifert, der die Londoner Börse (LSE) übernehmen wollte, scheitert Francioni bislang am Widerstand der Finanzgemeinde am Sitz des Objektes seiner Begierde. Und wie bei Seifert überlagert ein einziges strategisches Projekt alle anderen Entscheidungen.

Nach der gescheiterten LSE-Initiative übernahmen Hedge-Fonds 2005 das Ruder bei der Deutschen Börse. Sie zwangen Seifert und einige Aufsichtsräte abzutreten. Seit dem 1. November 2005 steht Francioni nun an der Spitze der Börse, getrieben von seinen Anteilseignern und bisweilen auch von Aufsichtsratschef Kurt Viermetz, eine Fusion mit der Vierländerbörse Euronext zu Wege zu bringen. Passiert ist bislang faktisch nichts. Den Frankfurter Aktienmarkt würde sich der Euronext-Chef Jean-François Théodore zwar gerne einverleiben. Eine Vollfusion lehnt er aus Angst vor einer Dominanz des deutschen Partners ab.

Es scheint, als habe Francioni die Sackgasse früh erkannt: Schon bei seiner ersten großen öffentlichen Rede zu Beginn des Jahres 2006 gelobte er zwar den Willen zur Konsolidierung, bat aber um Nachsicht: „Bitte vergessen Sie nie, dass ohne den guten Willen aller Beteiligten keine Fortschritte zu erzielen sind.“ Auf den guten Willen von Théodore zu warten, dürfte aber nach Lage der Dinge aussichtslos sein. Der verfolgt scheinbar unbeirrt ein Zusammengehen mit der New York Stock Exchange (Nyse).

Unabhängig vom Euronext-Projekt ist die internationale Bilanz Francionis auch nach seinen eigenen Vorgaben überschaubar. „Wir wollen raus aus der Isolation“, hatte er in seinem ersten Interview gesagt. Außer einer offensichtlich mühsam erkämpften Vorvereinbarung mit der Mailänder Börse hat er bislang keine größeren Allianzen schmieden können. „Die Absprache ist bislang nur unter dem Blickwinkel ein Erfolg, dass die Italiener nun wieder etwas weiter von der Euronext abgerückt sind“, sagte ein Analyst.

Nun bleibt Francioni nur, auf die Hauptversammlung der Euronext im Dezember zu hoffen. Gelingt es ihm, eine Abstimmung über den Frankfurter Fusionsvorschlag herbeizuführen, hat er zumindest eine Chance. Vielleicht, so wird spekuliert, plant die Deutsche Börse aber auch nur, die Abstimmung für Théodore zu einem unkalkulierbaren Risiko werden zu lassen. Er könnte sich gezwungen sehen, die Nyse-Pläne auf Eis zu legen, und die Deutsche Börse hätte eine neue Chance im Jahr 2007. Damit würde man verhindern, dass die Euronext als Partner verloren ginge. Damit wäre er schon weiter als sein Vorgänger Seifert, der die LSE der US-Börse Nasdaq überlassen musste.

Abseits der Konsolidierungsdebatte gehört zu den Erfolgen Francionis die relative Ruhe innerhalb des Konzerns und ein Neuanfang bei der Derivatebörse Eurex. Nachdem Abgang von Rudolf Ferscha, dem man Kungelei mit den Hedge-Fonds nachsagte, holte Francioni den Ex-Eurex-Chef Andreas Preuss zurück. Dieser baute eine neue Führungsmannschaft auf und verkaufte die gescheiterte Eurex US an den Hedge-Fonds Man. Zuletzt brachte Francioni außerdem „Alex“ auf den Weg. An der gemeinsam mit der Schweizer Börse SWX betriebenen Handelsplattform sollen verbriefte Derivate gehandelt werden. Abgesehen von den Wachstumsaussichten dieses Sektors bindet er damit den langjährigen Partner beim Betrieb der Eurex enger an sich.

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