Die Preise für den Jahrgang 2003 werden am Boden bleiben
„Wir brauchen schlechtes Wetter“

Jahrhundertjahrgang? Hans-Günther Schwarz ist da eher skeptisch. Neben einigen großen Weinen werde es „jede Menge bescheidene Tropfen geben“, prognostiziert der Weinexperte. Mehr als 30 Jahre leitete Schwarz das international renommierte Pfälzer Weingut Müller-Cartoir. Inzwischen berät er Weinbaubetriebe in ganz Deutschland.

HB FRANKFURT/M. Der Mann hat also einen Gaumen mit Erfahrung. An Potenzial, so sagt er voraus, werde es dem 2003er-Jahrgang sicher nicht mangeln. Die Winzer erwarten Rekorde beim Zuckergehalt. „Nach allem, was ich in den Weinbergen gesehen habe, rechne ich aber damit, dass die Erntemengen geringer ausfallen werden, als mancher bisher annimmt“, sagt Schwarz und macht dafür zwei Gründe verantwortlich: Zum einen enthielten die Trauben wegen der Hitze weniger Saft als in anderen Jahren. Zum anderen mussten manche Winzer bereits „die Trauben komplett von den Stöcken schneiden, um die Pflanze zu retten“. Auf nichts warten die Weinbauern deshalb sehnlicher als auf Regen und kältere Nächte. „Das mag komisch klingen, aber wir brauchen dringend schlechteres Wetter“, urteilt Schwarz.

Das kritische Urteil des Weinberaters teilen die Winzer nicht ganz. Sie üben sich lieber in Optimismus, wie etwa Wolf-Dietrich Salwey, Chef des gleichnamigen Weinguts im südbadischen Kaiserstuhl: „Wir haben zwar an manchen Stellen mit Sonnenbrand bei den Trauben zu kämpfen, doch insgesamt sind die Aussichten in unseren Weinbergen gut bis sehr gut.“ Besonders der rote Spätburgunder könnte gelingen. „Sollte der Wein dann im Vergleich zu anderen Jahrgängen tatsächlich besser sein, wird auch der Preis steigen“, glaubt Salwey.

Der Weinhandel ist da jedoch skeptischer. Selbst für den Fall, dass hier und da wirklich noch ein edler Tropfen in die Keller kommen sollte, geht Werner Rieß, Einkaufsleiter beim Hanseatischen Wein & Sektkontor (Hawesko), nicht davon aus, dass die Preise steigen. „Wirklich relevante Absatzmengen werden im Preissegment zwischen fünf und zehn Euro erzielt“, ist seine Erfahrung. Und dort sind die Einkaufspreise relativ stabil.

Mit knapp 270 Millionen Euro Umsatz zählt Hawesko – zu der Handelsketten wie „Jaques’ Weindepot“ gehören – zu den Großen der Branche. Rund 25 Weinexperten sind auf Messen, Weingütern und im Internet ständig auf Einkaufstour. Steigen die Preise eines Lieferanten oder einer Region zu stark, suchen die Einkäufer nach Alternativen. „Doch abgesehen von den absoluten Spitzenweinen hat der Preis mit den unterschiedlichen Qualitäten einzelner Jahrgänge nur bedingt zu tun“, so Rieß. Entscheidender sei die Menge.

Schlechte Nachrichten daher für die Fans italienischer Weine: Nach den bereits extrem niedrigen Erntemengen 2002 hat es Italien auch in diesem Jahr schlimm erwischt: Zuerst hatte im April Spätfrost den Rebstöcken zugesetzt, dann kam von Juni an die Hitze. In der Rotweinregion Piemont, wo die Trauben für große Weine wie den „Barolo“ angebaut werden, sind nach jüngsten Expertenschätzungen rund 30 % der Reben beschädigt. „Bei Anhalten der Trockenheit bis Monatsende könnte in Italien 50 % des Leseguts starke Qualitätseinbußen erleiden“, heißt es in einem Branchenbrief.

Ein zusätzliches Problem für die inzwischen verhältnismäßig teuren Weine aus Italien ist die abnehmende Zahlungsbereitschaft der Kunden. Im Zuge des Börsenbooms explodierte weltweit die Nachfrage nach Spitzenweinen. So war der „in Bordeaux eher mittelmäßige 1997er der historisch teuerste Jahrgang der Region“, sagt der Hawesko-Fachmann Rieß. Neben den klassifizierten Grand-Cru-Chateauxs aus der Bordeaux-Region waren es aber vor allen Dingen die italienischen Winzer, die ihre Preise kräftig nach oben schraubten.

Doch inzwischen lassen sinkende Realeinkommen die Preise wieder fallen. Der Absatz der oft mehr als 100 Euro teuren Luxusklasse ist bei Händlern um mehr als die Hälfte eingebrochen. Sinken die Preise langfristig weiter, werden das auch diejenigen zu spüren bekommen, die Weine als Kapitalanlage kauften und auf üppige Renditen spekulieren.

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