Die Unterhaltungsindustrie klagt vor dem obersten US-Gericht gegen Tauschbörsen und will ein Grundsatzurteil erzwingen
Innovation versus Urheberrecht

Glaubt man den Beteiligten, geht es am Obersten Gericht der USA heute um das Schicksal Amerikas – oder zumindest um die Zukunft des Internet.

NEW YORK. In einer einstündigen, öffentlichen Anhörung wird der Supreme Court über die Klage der MGM Filmstudios gegen die Softwarehersteller Grokster und Streamcast verhandeln. Hinter dem unscheinbaren Aktenzeichen 04-480 verbirgt sich die vielleicht wichtigste Grundsatzfrage des Internetzeitalters: Was soll Vorrang haben – das Urheberrecht oder die technische Innovation?

Angetreten ist auf der einen Seite die Crème de la Crème der Unterhaltungsindustrie. Angeführt von MGM reicht die Liste der Kläger von Walt Disney über Time Warner bis hin zur Bertelsmann-Tochter BMG. Vertreten wird die illustre Gruppe von Kenneth Starr, jenem Staatsanwalt, der Präsident Bill Clinton aus dem Weißen Haus jagen wollte. Der Vorwurf von Hollywood & Co. lautet, Grokster und Streamcast würden „eine der größten Plünderungen von Privateigentum in der Geschichte“ ermöglichen.

Grokster und Streamcast vertreiben so genannte Peer-to-Peer (P2P) Software, mit der Internetnutzer alle möglichen Informationen, aber auch die Film- und Musikarchive ihrer Computer teilen können. Anders als beim früheren Musikpiraten Napster wird der Austausch nicht zentral gesteuert, sondern Millionen P2P-Computer in aller Welt formieren sich quasi zu einem dezentralen Netzwerk.

Problem und Kern des Streits sind, dass nach Erhebungen etwa 90 Prozent der jeden Monat rund zwei Milliarden über das Internet ausgetauschten Daten gegen Urheberrechts-Bestimmungen verstoßen. „Die Geschäftsmodelle (von Grokster und Sreamcast) sind mit der Absicht gemacht, den Leuten auf illegale Weise kostenlos urheberrechtlich geschütztes Material zur Verfügung zu stellen“, sagt Dan Glickman, Präsident der Motion Picture Association of America – dem Verband der Hollywood-Filmindustrie.

Was auf den ersten Blick wie ein Kampf David gegen Goliath aussieht, erweist sich als Riss quer durch die amerikanische Wirtschaft. Werden doch Grokster und Streamcast sowohl von High-Tech-Größen wie Intel als auch vom mächtigen Industrieverband Consumer Electronics Association unterstützt. Sie alle fürchten, dass ein Sieg von Hollywood & Co den Innovationsmotor der US-Wirtschaft abwürgen könnte. „Wenn man sich die Innovationen der letzten 100 Jahre anschaut, lag die Unterhaltungsindustrie immer falsch“, sagt Streamcast-Chef Michael Weiss, „1880 wollte sie sogar den automatischen Pianospieler stoppen.“

Die Sorge der High-Tech-Gemeinde ist durchaus begründet. Schon bekommen die ersten Risikokapitalgeber im Silicon Valley kalte Füße. „Es ist schwer, (in neue Technologien) zu investieren, wenn man keine Rechtssicherheit hat“, sagte Hank Barry von der Venture-Capital Gesellschaft Hummer Winblad Venture Partners zu Business Week Online. Zwischen den Stühlen sitzen große Softwarehersteller wie Microsoft. Sie wollen einerseits keine staatliche Innovationsbremse, andererseits sind sie jedoch selbst Opfer von Softwarepiraten.

Die Technologie-Unternehmen hoffen darauf, dass der Supreme Court auf dem Weg bleibt, den er 1984 im „Sony-Betamax-Fall“ eingeschlagen hat. Damals entschieden die Verfassungsrichter mit knapper Mehrheit, man könne den Elektronik-Konzern Sony nicht dafür verantwortlich machen, dass mit seinen Videorekordern Raubkopien von Filmen gemacht würden.

Ausschlaggebend war für die Richter, dass der legale, innovative Nutzen der Videorecorder die negativen Effekte überwog. Eine Prognose übrigens, die sich später auch für die klagende Filmindustrie als richtig erwies. Bescherte doch der Videorecorder als Geburtshelfer der Videotheken Hollywood eine neue Einnahmequelle. Auch jetzt melden sich Musiker zu Wort, die sich von der P2P-Technologie eine größere Verbreitung ihrer Songs erhoffen. Ein kalifornisches Gericht hat in der Vorinstanz der Innovation die Vorfahrt gegeben. Die Entscheidung des Supreme Courts wird bis Mitte des Jahres erwartet.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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