Diesellok-Auftrag neu ausgeschrieben
Kartellamt pfeift die Bahn zurück

Das Bundeskartellamt hat die Deutsche Bahn bei dem Vorhaben zurückgepfiffen, die Vergabe von zwei Milliardenaufträgen mit dem Kauf der von Stilllegung bedrohten Bahn-Werke in Delitzsch bei Leipzig und in Nürnberg zu koppeln.

FRANKFURT/M. Die Aufträge – über rund 1 000 Intercity-Reisezugwagen und 400 Dieselloks – wollte die Bahn nur an solche Firmen vergeben, die im Gegenzug eines der beiden Werke erworben und die Fahrzeuge dort auch produziert hätten. Eine solche Kopplung sei kartellrechtlich unzulässig, warnten die Wettbewerbshüter. Daraufhin machte die Bahn einen Rückzieher.

„Die Kopplung würde zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Wettbewerbsmöglichkeiten der betroffenen Anbieter führen“, hatte das Kartellamt bereits vor Wochen erklärt. In aller Stille schrieb die Bahn daraufhin den Diesellok-Auftrag neu aus. „Wir begrüßen diese Entscheidung der Deutschen Bahn“, sagte Alstom-Manager Dieter Klumpp, Präsident des Verbandes der Bahnindustrie, dem Handelsblatt. Die Bahn-Hersteller hatten im Januar die kartellrechtliche Überprüfung der Koppelgeschäfte gefordert.

Unterdessen hat die Bahn bereits sieben Interessenten aufgefordert, Angebote für den Lokauftrag abzugeben. „Wer in der Welt große Diesellokomotiven baut, ist dabei“, sagte Bahn-Technik- und Einkaufschef Stefan Garber dem Handelsblatt. Die Auftragserteilung werde spätestens im ersten Quartal 2004 erfolgen.

Möglicherweise kommt das Werk Nürnberg dann doch noch mit seinen derzeit 320 Mitarbeitern ins Rennen. Werke-Leiter Johannes Keil äußerte sich optimistisch, dass es mit den Bietern „Gespräche zur Übernahme des Werkes“ geben werde. Diese hätten zwar keinen Einfluss auf die vergaberechtliche Prozedur. Aber bei „ganzheitlicher betriebswirtschaftlicher Betrachtung“ könne sich für die Bahn mit einem Verkauf des Standortes „die kommerziell beste Lösung“ ergeben. Das Werk, das derzeit ICE 1- und ICE 2-Züge betreut, könne viel Know-how für die Endfertigung der neuen Dieselloks einbringen.

Den Standort Delitzsch wollte die Bahn mit der Fertigung der Waggons für ihre künftige Intercity-Flotte retten. Derzeit sei das Werk durch die Aufarbeitung von IC-Waggons der ersten Generation ausgelastet, sagte Keil. Dies könne man „in reduziertem Umfang noch zwei, drei Jahre weitermachen“, jedoch nur mit knapp der Hälfte der bisher 500 Arbeitsplätze.

Die Nachfolge-Züge sollen nun erst 2009 oder 2010 – und nicht, wie ursprünglich geplant, schon 2006 – in den Dienst gestellt werden. Der „Aufruf zum Wettbewerb“ im EU-Amtsblatt soll noch dieses Jahr kommen. Doch bis der Auftrag erteilt und die Fertigung anlaufen würde, gebe es, so Keil, in Delitzsch längst keine Arbeit mehr. Eine Standortsicherung durch die Produktion der nächsten IC-Generation sei eher unwahrscheinlich.

Unabhängig von den beiden Großaufträgen würden die Werke in Leverkusen-Opladen, Zwickau und Chemnitz wie geplant bis Ende des Jahres geschlossen. An den beiden sächsischen Standorten sei es gelungen, mit Spezialaufgaben zumindest einen Teil der Arbeitsplätze zu erhalten. „Große Lösungen“ von interessierten Unternehmen, so Keil, hätten sich schnell zerschlagen: „Die von der Bahn und den öffentlichen Händen erwartete Mitgift wird immer zu hoch angesetzt.“ Immerhin sei es bei der Bereinigung der Werke-Struktur gelungen, fast ein Dutzend von Spezialbetrieben zu erhalten.

Auch die Eisenbahner-Gewerkschaft Transnet hat den Kampf um die Werke beendet. „Wenn die Politik alle Mittel erschöpft sieht“, so ein Sprecher, „dann muss man sich mit den Gegebenheiten abfinden und diese sozial abfedern.“ So gehe es nach dem endgültigen Aus für Opladen jetzt darum, Ersatzarbeitsplätze für die 420 Beschäftigten zu finden.

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