Discounter in Großbritannien

Wie der Brexit die Kassen von Aldi und Lidl klingeln lässt

Das Brexit-Votum stürzt Großbritannien bislang nicht in die Krise – im Gegenteil. Die Briten zeigen sich einer Studie zufolge unerwartet spendabel. Auch zwei Konzerne aus Deutschland profitieren davon.
Die Discounter Aldi und Lidl haben mehr Kunden in Großbritannien – dem Brexit sei Dank. Quelle: dpa
Aldi in Manchester

Die Discounter Aldi und Lidl haben mehr Kunden in Großbritannien – dem Brexit sei Dank.

(Foto: dpa)

LondonGenau zwei Monate ist es her, dass die Briten für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt haben – trotz zahlreicher Warnungen, dass das verheerende Folgen für das Leben auf der Insel habe. Bislang ist von einer Krise aber nichts zu erkennen. Im Gegenteil – die Briten sind bester Laune, und das nicht nur wegen des guten Abschneidens ihrer Sportler bei den Olympischen Spielen in Rio. Auch die jüngsten Wirtschaftsdaten fallen überraschend gut aus. „Schlechte Nachrichten für die Panikmacher der Brexit-Kampagne (mal wieder)“, triumphierte die „Daily Mail“ kürzlich mit Blick auf gute Geschäfte des britischen Einzelhandels.

Aktuelle Zahlen des Umfrageinstituts Kantar zeigen, dass die Umsätze der Supermärkte in Großbritannien in den zwölf Wochen bis zum 14. August um 0,3 Prozent gestiegen sind – das größte Plus seit März. Dass sich das Wetter nach dem trüben Start in die Sommermonate gebessert habe, „gab dem Markt Schub“, meinen Analysten. Besonders gekühlte Getränke, gefrorene Lebensmittel und Eiscreme sind gefragt.

Zudem gibt es Analysten zufolge „weiterhin kein Anzeichen dafür, dass eine durch den Brexit hervorgerufene Inflation die Lebensmittelpreise steigen lässt“. Im Gegenteil: Der von Kantar herangezogene Lebensmittelkorb habe sich im Vergleich zum Vorjahr sogar um 1,3 Prozent verbilligt.

So sieht der Aldi der Zukunft aus
Tageslicht und Holz
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Der Aldi-Süd-Kunde wird seinen Laden bald kaum wiedererkennen: Tageslicht und Holzverkleidungen sorgen für eine freundliche Atmosphäre. In drei Jahren soll jede Aldi-Süd-Filiale in Süd- und Westdeutschland so aussehen.

Die Paletten verschwinden
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Die Paletten sind verschwunden, aufgeräumt stehen die Waren in Regalen, der Obst- und Gemüsestand mit hellgrünen Lampen erinnert an einen Marktstand. Hinter der holzverkleideten Kasse warten Kaffeeautomat und Sitzbank.

Billig allein reicht nicht mehr
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„Für die Kunden sind neben dem Preis viele andere Faktoren wichtig geworden“, sagt Geschäftsführerin Jeanette Thull am Mittwoch bei der Vorstellung der „Filiale der Zukunft“ in Unterhaching bei München.

Entspannte Atmosphäre
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Das Sortiment ist schon schrittweise verändert worden – jetzt bekommen alle Läden eine Schönheitskur verpasst. „Der Kunde sucht Ruhe, Entschleunigung, ein schönes Ambiente auch beim Discounter“, sagt Thull. „Wichtig war, eine entspannte Atmosphäre zu erzeugen, wie es der Kunde vom Vollsortimenter kennt.“

Kunden geben mehr Geld aus
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Beim Einkauf von Lebensmitteln geben die Deutschen heute mehr Geld aus. Von Neujahr bis Ostern stiegen die Umsätze der Supermärkte um 3,8 Prozent – die Discounter legten nur um 2,9 Prozent zu. Immerhin sind sie damit wenigstens wieder „im grünen Bereich, wo vor zwölf Monaten noch ein rotes Minus stand“, teilte der Markforscher GfK mit.

Abschied von den Preisplakaten
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In der „Filiale der Zukunft“ leuchten LED-Strahler taghell, die Gänge sind breit. Neu sind auch ein eigenes Snackregal mit Sandwiches, Salaten und gekühlten Getränken sowie Kundentoiletten. Die von der Decke hängenden Preisplakate sind Vergangenheit. Die neuen Schilder sind am Regal befestigt und aus Papier, aber noch nicht elektronisch. Zu teuer, sagt Thull. Bezahlen kann der Kunde schnell im Vorbeigehen, kontaktlos mit Smartphone oder EC-Karte.

Unterschiede verschwimmen
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„Die Unterschiede zwischen Discounter und Supermarkt verschwimmen“, sagt Handelsverbandsmann Ohlmann. Aldi habe Nachholbedarf und passe sich den Trends an, meint auch GfK-Experte Wolfgang Adlwarth. Der Kunde wolle schnell und günstig einkaufen in einer angenehmen Atmosphäre: „Er will heute nicht mehr zwischen ollen Paletten rumkrabbeln.“ Aber es gibt Grenzen.

Das lag unter anderem daran, dass immer mehr Briten zu Hausmarken der Supermärkte greifen – und verstärkt bei zwei Discountern aus dem Ausland einkaufen: Aldi und Lidl. Seit Jahren verhageln die Billigheimer aus Deutschland den Lokalgrößen das Geschäft – und ein Ende ist nicht in Sicht.

Aldi hat bereits angekündigt, die Zahl seiner Geschäfte in Großbritannien bis 2022 von derzeit rund 600 auf 1.000 zu steigern. Das Konzept der deutschen Riesen lockt immer mehr britische Kunden in die Läden – wenngleich der Marktanteil mit aktuell 4,5 Prozent bei Lidl und 6,2 Prozent bei Aldi noch relativ gering ist.

Lidl schaffte es laut Kantar, die Umsätze in den vergangenen Wochen um 12,2 Prozent zu steigern, Aldi um 10,4 Prozent. Britische Supermarktgrößen wie Tesco, Sainsbury’s und Morrisons können da nicht mithalten – sie verbuchten einen Rückgang zwischen 0,4 und 1,8 Prozent. Immerhin verringerte sich das Minus des Marktführers Tesco damit deutlich – der Rückgang von 0,4 Prozent war der beste Wert in den vergangenen sechs Monaten.

Auch aus der Immobilienbranche kamen am Dienstag unerwartet gute Zahlen: Das Bauunternehmen Persimmon – das vor allem außerhalb Londons tätig ist – wies für das erste Halbjahr einen deutlichen Umsatz- und Gewinnanstieg aus. Das Brexit-Votum habe zwar zu einer „verstärkten wirtschaftlichen Unsicherheit geführt“, erklärte Firmenchef Jeff Fairburn, aber das Interesse der Kunden sei seit Ende Juni „robust“ gewesen. Die Zahl derjenigen, die sich ein Haus angeschaut hätten, sei im Vergleich zum Vorjahr sogar um 20 Prozent gestiegen.

Das sind die Discounter der Zukunft
Lidl mit neuem Filialkonzept
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In Verona in Norditalien betreibt Lidl zwei Filialen, die zum Vorbild für neue Märkte auch in Deutschland werden sollen. Lidl-Chef Sven Seidel betonte im Handelsblatt-Interview, dass das Unternehmen sehr viel von den Erfahrungen im Ausland lernen kann: „Die Innovation kommt daher, dass sich die Zentrale mit den Ländern reibt und die Essenz dessen, was an neuen Erfahrungen gesammelt wird, für das gesamte Unternehmen nutzbar macht.“

Der Eingang
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Allein schon auf der Fläche des großzügigen Eingangsbereichs der italienischen Pilot-Märkte hätte man früher fast einen gesamten Discounter gebaut.

Der Verkaufsraum
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Breite Gänge, der Verzicht auf die abgehängte Decke, warme Farbtöne: In der Filiale will Lidl den Kunden künftig ein „großzügiges Raumgefühl“ geben. Das ist in deutschen Märkten meist noch anders. „Wenn Sie sich so manche Filialen älteren Baujahrs anschauen, dann ist vielerorts schon alles sehr kleinteilig“, räumt auch Lidl-Chef Seidel ein.

Die Präsentation
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Auch bei der Präsentation der Waren erinnert nicht mehr viel an alte Zeiten, wo Artikel in Kartons auf Paletten standen. Die Kunden erwarten bald noch mehr Markenartikel und hochwertige Frischwaren. Trotzdem wird die Zahl der Artikel auch in Zukunft deutlich unter der der Supermärkte liegen.

Die Backstationen
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Noch mehr Wert wird künftig auf frische Backwaren gelegt. Nur die Bedientheken wird man auch in Zukunft in einem Lidl vergeblich suchen. In irgendeiner Form muss sich Discount ja noch vom Supermarkt unterscheiden.

Die Kunden-WC
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Eine überraschende Neuerung: Bei Neu- und größeren Umbauten will Lidl bald auch in deutschen Märkten Toiletten für Kunden anbieten.

Die Wickeltische
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Erleichterung für junge Mütter und Väter: Sogar einen Wickeltisch für die jüngsten Kunden soll es in Zukunft im Discounter geben.

Diese Nachrichten bestärken die Brexit-Befürworter in der Annahme, dass ihr „Leave“-Votum richtig war. Doch so sicher ist das nicht – aus anderen Branchen kommen schließlich gegensätzliche Meldungen: Hersteller von Elektrogeräten wie HTC und Dell, die Komponenten in japanischer oder US-Währung bezahlen, haben bereits ihre Preise erhöht oder angekündigt, dies zu tun. Weitere Unternehmen halten sich bei Investitionen zurück.

Doch der große Knall ist bislang ausgeblieben. „Seit dem überraschenden Brexit-Votum Ende Juni ist es verdächtig ruhig geworden auf der anderen Seite des Kanals“, ziehen die Währungsexperten der Commerzbank Fazit aus zuletzt veröffentlichten Daten. Aber auch sie warnen vor voreiligen Schlüssen: „Auch zwei Monate nach dem Brexit-Votum ist die Zukunft Großbritanniens schließlich vollkommen unklar“. 

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