Eigene Läden
Deutschlands Modemacher schrecken die Händler

Um den Preisdruck des Handels zu entgehen, übernehmen immer mehr deutsche Modehersteller auch den Verkauf ihrer Produkte. In eigenen Läden bieten die Hersteller ihre Marken an. Experten empfehlen die Vertikalisierung, doch die Strategie birgt auch Risiken.
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BIELEFELD. Die modische Zukunft residiert in einem Zweckbau am Bielefelder Stadtrand, mit einer Kantine Marke Eiche-Rustikal im Keller und Nähmaschinenmodellen der letzten hundert Jahre auf jeder Etage. Seidensticker ist ein sehr unmodisches Modehaus. Dem fehlenden Glitter zum Trotz jedoch hat Gerd Oliver Seidensticker, 45, den Hemdenanbieter aus dem ostwestfälischen Hinterland zu einem international florierenden Textilhersteller getrimmt. "Viele feiern sich im Moment mit ihren Läden in Schönheit und sterben in Schönheit, aber man muss auch Geld verdienen", sagt der geschäftsführende Gesellschafter des Familienunternehmens. Um das zu tun, hat er kurzerhand die Richtung geändert: Seidensticker fährt neuerdings vertikal.

In Trier hat er Ende November den ersten Laden namens "Home of Shirts by Seidensticker" eröffnet, vier weitere sind in Planung. Ein Laden, viele Labels, ein Unternehmen. "Das ist das Storekonzept der Zukunft", sagt der Unternehmenschef, zu dessen Firmengruppe Marken wie Dornbusch, Jobis, Jacques Britt und einige Lizenzen gehören.

Schnellerer Mode-Wechsel

Die Idee, Geschäft komplett aus einer Hand anzubieten, verfolgen immer mehr Textilhersteller. "Die gesamte Bekleidungsindustrie lernt im Moment Einzelhandel", sagt Professor Peter Bug von der Fakultät Textil & Design an der Hochschule Reutlingen. Immer häufiger behalten die Firmen die komplette Kontrolle über ihre Warenkette, entwerfen die Mode, lassen sie dann in eigenen Fabriken oder solchen von Auftragsproduzenten in Asien oder Osteuropa nähen und verkaufen sie schließlich in eigenen Läden direkt an den Kunden. Sie umgehen so den Groß- und den Facheinzelhandel, der auf dem Weg vom Lager in die Einkaufstüte des Kunden versucht, Marge abzugreifen und die Preise zu drücken. "Die Industrie muss einfach in den Handel, um zu lernen, wie man Flächen dort optimal bewirtschaftet", sagt Vertikalisierungsspezialist Seidensticker. Sie kann so selbst bestimmen, welche Kleider in die Regale kommen und wann sie von der nächsten Kollektion abgelöst werden.

Denn die Taktzahl im Textilmarkt nimmt seit Jahren zu. Früher hat die Branche die Flächen zweimal pro Jahr leerverkauft, heute mindestens dreimal - Tendenz steigend. Unternehmen wie Zara und H&M geben den rasanten Rhythmus vor. Zweimal pro Woche bestückt die spanische Modekette ihre über 1 530 Stores in 72 Ländern mit neuen Artikeln. H&M, laut Interbrand 2009 mit einem Markenwert von 11,1 Milliarden Euro die wertvollste Einzelhandelsmarke in Europa, lockt seine Kunden täglich mit neuen Teilen in die Läden. Möglich wird die hohe Geschwindigkeit durch das vertikale Geschäftsmodell, das nicht nur die Prozesse beschleunigt, sondern auch Geld spart - vor allem, wenn es um Wachstum im Ausland geht.

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