Eigenes Konzept

Bertelsmann-Stiftung bastelt an Ratingagentur

Gestern hat Roland Berger die Hoffnung auf eine eigene, europäische Ratingagentur erheblich gedämpft. Es fehlen Investoren. Heute legte die Bertelsmann-Stiftung ein neues Konzept vor, um den drei Großen Beine zu machen.
Update: 17.04.2012 - 06:48 Uhr 13 Kommentare

Bertelsmann sucht Wachstumschancen

Washington/Gütersloh/Frankfurt/BerlinDie Bertelsmann-Stiftung hat ein Konzept für eine neue internationale Ratingagentur vorgelegt und will damit den drei großen US-Platzhirschen Konkurrenz machen. „Fragwürdige Beurteilungen der Bonität von Staaten haben erheblich zu der jüngsten Finanzkrise beigetragen“, betonte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Gunter Thielen, am Dienstag in Gütersloh. „Wir benötigen dringend eine zusätzliche, unabhängige Institution für die Bewertung von Länderrisiken, und wir müssen die Qualität der Länderratings verbessern.“

Große Pläne im beschaulichen Gütersloh: Bertelsmann plant eine Ratingagentur. Quelle: dpa

Große Pläne im beschaulichen Gütersloh: Bertelsmann plant eine Ratingagentur.

(Foto: dpa)

Die Bertelsmann-Stiftung will nun die G20-Gruppe der Industrie- und Schwellenländer von dem Vorschlag überzeugen. Die geplante nicht gewinnorientiert arbeitende Ratingagentur INCRA (International Non-Profit Credit Rating Agency) soll von einem Fonds im Volumen von 400 Millionen Dollar finanziert werden, aus dessen Ausschüttungen die laufenden Kosten getragen werden. Bisher dominieren die Unternehmen Standard & Poor's, Moody's und Fitch den Markt und verdienen mit den Ratings Geld.

Das Bertelsmann-Konzept sieht vor, dass sich auch die Länder als Geldgeber an der Stiftung beteiligen können. Ein unabhängiges Gremium soll darüber wachen, dass es trotzdem keine Interessenkonflikte gibt. In Berlin ist eine Beteiligung kein Thema: Ein Schäuble-Sprecher sagte, dass die Gründung einer Ratingagentur aus der Privatwirtschaft kommen müsse.

Auch der Unionsfraktionsvize Michael Meister sieht keinen Raum für eine finanzielle Unterstützung durch den Staat. Gleichwohl bedauert er, dass die Finanzbranche bisher nicht die "Kraft für die Neugründung einer unabhängigen Ratingagentur gefunden hat".

Ratingagenturen Marktanteile

Drei Ratingagenturen teilen sich den weltweiten Markt zu 95 Prozent auf, wobei Fitch von diesen drei mit Abstand der kleinste Spieler ist.

Die jetzt geplante neue Ratingagentur Incra will bei der Bonitätsbewertung von Staaten "mehr und transparenter als die großen Agenturen politische und soziale Faktoren in die Länderanalyse einfließen lassen", erklärt Sabine Donner, Projektleiterin bei der Bertelsmann Stiftung, dem Handelsblatt.

Grundlage könnten zwei Indizes der Bertelsmann Stiftung sein: Der Transformationsindex, der unter anderem staatliche Stabilität, Wahlen, politische Beteiligungsrechte, Gewaltenteilung und Korruptionsbekämpfung misst, und der Sustainable Governance Index, der Reformbedarf und die Reformfähigkeit von Staaten bewertet.

Moody´s: Anteilseigner

Anteilseigner: Moody’s ist ein börsennotiertes eigenständiges amerikanisches Unternehmen.

Ob die Ratings besser oder schlechter ausfallen als die der großen Agenturen, lässt sich dabei laut Donner pauschal nicht sagen. Sie setzt darauf, dass die "Einschätzung langfristiger und realistischer als die der großen Agenturen ist".

Einen konkreten Zeitplan für das neue Projekt gibt es nicht: Gut wäre es laut Donner, innerhalb des nächsten Jahres die ersten Ratings zu vergeben. In den nächsten Monaten sind zunächst Diskussionen auf politischer Ebene geplant, erst dann sollen gegebenenfalls potenzielle Geldgeber angesprochen werden. Dies könnte dauern. Markus Krall von Roland Berger führte die ersten Gespräche bereits im Herbst 2010.

Wie das Projekt finanziert werden soll
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13 Kommentare zu "Eigenes Konzept: Bertelsmann-Stiftung bastelt an einer Ratingagentur"

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  • Eine Europäische Ratingagentur hat - unabhägig von den Finanzierungsfragen - nur eine Berechtigung und Chance, wenn sie auch ratingmethodisch im heutigen Jahrzehnt angekommen ist. Die Ratingkriterien dürfen nicht einseitig gläubigerorientiert angelegt sein, sondern müssen sowohl das Gläubiger- und Schuldner-Interesse unter den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen berücksichtigen. Für Länderratings sind z.B. auf der obersten Ebene der Kriterienstruktur die Hauptkriterien
    - Wirtschaftspolitik und Management
    - Schuldentragfähigkeit und Wirtschaftlichkeit
    - Wettbewerbsfähigkeit und Innovation
    vorstellbar. Zwingend ist die Transparenz aller Untersetzungen der Ratingkriterien bis zu einem Gewicht
    von 2 bis 3% durch die Europäische Ratingagentur.
    Dr. Bernd Lindemann

  • Wir brauchen keine neuen Ratingagenturen. Wir brauchen neue Politiker, die die wahre Demokratie wieder durchsetzen. Weg mit der CDU, CSU, FDP. SPD und Grüne. Wir werden 2013 die Pieaten wählen. Womit haben die großen Parteien es immer wieder verdient, im Bundestag zu sitzen? Welche politische Leistung steckt dahinter? Antwort: Keine! Wir haben aus Bequemlichkeit immer wieder den gleichen Mist gewählt, aus Gewohnheit! Stimmts? Ändern wir das nächstes Jahr endlich!

  • Soso.
    Die bösen us-Agenturen geben also den wirklich guten Papieren der PIGS schlechte Noten. Eben weil sie so böse sind!
    Aber jetzt kommt der Rächer der Enterbten in Gestalt einer Deutschen Stiftung: Gute Noten für Griechen und alle, die ähnliche Probleme haben.

    Es wird sich wohl de facto um eine Versorgungsanstalt für abgehalfterte Personen aus der der Polit- und Finanzwelt handeln, angereichert mit Frauenquote.

  • Bertelsmann Stiftung = Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM)

    Geheimregierung Deutschland
    http://politikprofiler.blogspot.de/2008/04/beterlsmann-stiftung-geheimregierung.html

    http://www.a3wsaar.de/fileadmin/flugschriften/FS_Politik_gezockt.pdf

  • Wer, wie der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung, Gunter Thielen, behauptet: „Fragwürdige Beurteilungen der Bonität von Staaten hätten erheblich zu der jüngsten Finanzkrise beigetragen“, der rückt sich die Wirklichkeit absichtsvoll zurecht, weil er weiterhin das betreiben will, was die Bertelsmann Stiftung seit Jahren tut, nämlich Stimmung zu machen, für einen Umbau unserer Wirtschaftsordnung. Dazu gehören die Blaupausen zu den Hartz IV Gesetzen oder die Studie "Kunst des Reformierens" u.a.m. Indem Herr Thielen ganz offensichtlich versucht, die durch die Finanzmärkte, Investmentbanken und Hedgefonds verursachte Finanzkrise in eine Staatsschuldenkrise umzuwidmen und behauptet, das hätte an der schlechten Beurteilung internationaler Ratingagenturen gelegen, dann täuscht er die Menschen über die tatsächlichen Ursachen. Da aber die Bertelsmann Stiftung seit Jahren den überschuldeten Staat anprangert und die Sozialsysteme für reformbedürftig hält und die Ökonomisierung unserer Schulen und Universitäten vorantreibt, sollte sich niemand wundern, dass gerade Bertelsmann sich berufen fühlt, Abhilfe zu schaffen und selbst eine Ratingagentur zu basteln. Wenn jetzt versucht wird, die Staaten zu Sündenböcken zu stempeln, anstatt eine dringende und grundlegende Regulierung der Finanzmärkte auszuarbeiten, dann zeigt dies, dass die neoliberale Ideologie, welche Eigennutz über Gemeinwohl stellt, offensichtlich in den Schubladen dieser sogenannten Stiftung weiter herumspukt. Nicht genug, dass Deutschland mit seiner einseitigen Exportwirtschaft und der Austeritätskeule Europa an den Rand eines Kollaps gebracht hat. Jetzt will auch noch eine deutsche Ratingagentur diesen falschen Weg mit ideologischem know how unterfüttern. Gott bewahre!!

  • Erst schreiben, dann denken. Ach nee, gar nicht denken.

    (Oeconomicus ausgenommen, der sich tiefer gehende Gedanken gemacht hat)

    a) Die Bertelsmann Stiftung hat nichts mit Bücherverkauf zu tun.
    b) Sollte man sich freuen, dass es eine Institution gibt, die das (finanzielle) Risiko eingeht, dem Oligopol der US-Ratingagenturen Konkurrenz zu machen. Die Chancen auf einen Erfolg sind sicherlich nicht besonders groß. Wer aber nicht wagt, verliert trotzdem.

  • Also wenn der Buchverkauf keine Gewinne mehr abwirft, dann bastelten wir als Bertelsmann-Stiftung an der eigenen Ratingagentur? Was für kranke Gehirne sind bei uns am Werk. Nun also will ein Buchverlag, die Geschicke von Staaten und Nationen in die Hand nehmen? Was für rumreiche Aussichten stehen uns noch bevor.
    Ich bitte das HB solche Artikel im Papierkorb der Redaktion, zu versenken.
    Danke

  • ... Teil II

    Bereits 1988 entstand unter der Führung der Deutschen Bank in Deutschland eine Rating-Initiative, mit dem Ziel eine europäische Rating-Agentur zu begründen. Dieses Vorhaben blieb erfolglos!

    In den 1990er Jahren versuchte die deutsche Finanzwirtschaft gemeinsam mit Bertelsmann, eine weitere Initiative auf den Weg zu bringen, diese blieb ebenfalls erfolglos.

    1996 hatte das hessische Wirtschaftsministerium gemeinsam mit ihrem Partner Deutsche Börse dieselbe Idee, unterlegt mit einer Bonitätswächter-Behörde, die an die EZB angehängt werden sollte, was jedoch von der EZB abgelehnt wurde.

    Seit November 2010 gibt es mit „Euler Hermes“ die bislang erste und einzige europäische Rating-Agentur, die sowohl von der BaFin als auch dem Committee of European Securities Regulators anerkannt und registriert ist.

    Was lernen wir nun aus all diesen Fakten?

    Wer seine Wertpapiere am weltweit mit weitem Abstand größten Kapitalmarkt handeln lassen möchte, hat die Regularien der US Aufsichtsbehörde zu Recht zu erfüllen!

    Es ist also schon fast lächerlich anzunehmen, dass eine Europäische Rating-Agentur in irgendeiner Weise Einfluss auf das Zulassungsverfahren auf den amerikanischen Kapitalmarkt haben könnte.

    Zur Vollständigkeit noch ein kleiner Nachtrag.

    In China und großen Teilen Asiens wird die chinesische Rating-Agentur, Dagong Global Credit sehr geschätzt, deren Bewertungen für die Euro-Staaten (übrigens auch für die USA) sehr viel negativer aussehen, als bspw. die S&P Ratings.

    Den potentiellen Kunden von Dagong nutzt diese Wertschätzung allerdings nichts, wenn sie den US-Kapitalmarkt betreten möchten!

  • Es ist immer wieder amüsant die verquere Rating-Agentur- Geschäftsmodelle zu lesen.

    Die vollmundigen Aussagen, wie man den drei marktbeherrschenden Agenturen die Stirn bieten will, kann man nur als realitätsfremd bewerten, zumindest dann, wenn man sich die Mühe macht, die rechtlichen Grundlagen der Dominanz von Fitch, Moody's und Standard&Poors genauer anzusehen.

    Die US-Bankenaufsicht (Comptroller of the currency) ordnete bereits 1936 (nicht zuletzt aus resultierenden Erfahrungen aus 1929 uff.) an, dass Banken nur noch erlaubte Emissionen und Forderungen zu übernehmen dürfen, die mit einem Mindest-Rating (investment grade) ausgestattet sind.

    Die US-Börsenaufsicht (SEC) legte 1975 die gesetzliche Verpflichtung fest, dass Unternehmen (später alle Emittenten, also auch Staaten) bevor ihnen der Zugang zum amerikanischen Kapitalmarkt gewährt wird, eine Bewertung von mindestens zwei zugelassenen Rating-Agenturen vorzulegen haben.

    Hinsichtlich der Zulassung entsprechender Rating-Agenturen fand eine Ausschreibung statt. Danach erhielten die drei o.g. Agenturen das ausschließliche Recht (SEC rule 15c3-1), solche Zertifizierungen vornehmen zu dürfen (s. historische Betrachtung http://www.sec.gov/news/testimony/032002tsih.htm).

    Zwischenzeitlich (Stand 2011) werden in den USA zehn Unternehmen als national anerkannte Statistische Ratingorganisationen geführt, deren Ratings für Kapitalmarktzwecke herangezogen werden dürfen.

    Neben den 3 erstgenannten sind dies A.M.Best Company, Egan-Jones Rating Company, Kroll Bond Rating Agency, Morningstar, die kanadische Dominion Bond Rating Services (übrigens auch von der EZB akzeptiert), Japan Credit Rating Agency, und das japanische Unternehmen, Rating & Investment Information (R&I).

    Zwischenzeitlich (Stand 2011) werden in den USA zehn Unternehmen als national anerkannte Statistische Ratingorganisationen geführt, deren Ratings für Kapitalmarktzwecke herangezogen werden dürfen.

    weiter mit Teil II

  • ausgerechnet die Bertelsmann Stiftung.. da muss man sich ja tot lachen

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