Eigenes Konzept
Bertelsmann-Stiftung bastelt an einer Ratingagentur

Gestern hat Roland Berger die Hoffnung auf eine eigene, europäische Ratingagentur erheblich gedämpft. Es fehlen Investoren. Heute legte die Bertelsmann-Stiftung ein neues Konzept vor, um den drei Großen Beine zu machen.
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Washington/Gütersloh/Frankfurt/BerlinDie Bertelsmann-Stiftung hat ein Konzept für eine neue internationale Ratingagentur vorgelegt und will damit den drei großen US-Platzhirschen Konkurrenz machen. „Fragwürdige Beurteilungen der Bonität von Staaten haben erheblich zu der jüngsten Finanzkrise beigetragen“, betonte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Gunter Thielen, am Dienstag in Gütersloh. „Wir benötigen dringend eine zusätzliche, unabhängige Institution für die Bewertung von Länderrisiken, und wir müssen die Qualität der Länderratings verbessern.“

Die Bertelsmann-Stiftung will nun die G20-Gruppe der Industrie- und Schwellenländer von dem Vorschlag überzeugen. Die geplante nicht gewinnorientiert arbeitende Ratingagentur INCRA (International Non-Profit Credit Rating Agency) soll von einem Fonds im Volumen von 400 Millionen Dollar finanziert werden, aus dessen Ausschüttungen die laufenden Kosten getragen werden. Bisher dominieren die Unternehmen Standard & Poor's, Moody's und Fitch den Markt und verdienen mit den Ratings Geld.

Das Bertelsmann-Konzept sieht vor, dass sich auch die Länder als Geldgeber an der Stiftung beteiligen können. Ein unabhängiges Gremium soll darüber wachen, dass es trotzdem keine Interessenkonflikte gibt. In Berlin ist eine Beteiligung kein Thema: Ein Schäuble-Sprecher sagte, dass die Gründung einer Ratingagentur aus der Privatwirtschaft kommen müsse.

Auch der Unionsfraktionsvize Michael Meister sieht keinen Raum für eine finanzielle Unterstützung durch den Staat. Gleichwohl bedauert er, dass die Finanzbranche bisher nicht die "Kraft für die Neugründung einer unabhängigen Ratingagentur gefunden hat".

Die jetzt geplante neue Ratingagentur Incra will bei der Bonitätsbewertung von Staaten "mehr und transparenter als die großen Agenturen politische und soziale Faktoren in die Länderanalyse einfließen lassen", erklärt Sabine Donner, Projektleiterin bei der Bertelsmann Stiftung, dem Handelsblatt.

Grundlage könnten zwei Indizes der Bertelsmann Stiftung sein: Der Transformationsindex, der unter anderem staatliche Stabilität, Wahlen, politische Beteiligungsrechte, Gewaltenteilung und Korruptionsbekämpfung misst, und der Sustainable Governance Index, der Reformbedarf und die Reformfähigkeit von Staaten bewertet.

Ob die Ratings besser oder schlechter ausfallen als die der großen Agenturen, lässt sich dabei laut Donner pauschal nicht sagen. Sie setzt darauf, dass die "Einschätzung langfristiger und realistischer als die der großen Agenturen ist".

Einen konkreten Zeitplan für das neue Projekt gibt es nicht: Gut wäre es laut Donner, innerhalb des nächsten Jahres die ersten Ratings zu vergeben. In den nächsten Monaten sind zunächst Diskussionen auf politischer Ebene geplant, erst dann sollen gegebenenfalls potenzielle Geldgeber angesprochen werden. Dies könnte dauern. Markus Krall von Roland Berger führte die ersten Gespräche bereits im Herbst 2010.

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Bertelsmann-Stiftung bastelt an einer Ratingagentur

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Wie das Projekt finanziert werden soll

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Unterschied zwischen den Konzepten

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  • Eine Europäische Ratingagentur hat - unabhägig von den Finanzierungsfragen - nur eine Berechtigung und Chance, wenn sie auch ratingmethodisch im heutigen Jahrzehnt angekommen ist. Die Ratingkriterien dürfen nicht einseitig gläubigerorientiert angelegt sein, sondern müssen sowohl das Gläubiger- und Schuldner-Interesse unter den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen berücksichtigen. Für Länderratings sind z.B. auf der obersten Ebene der Kriterienstruktur die Hauptkriterien
    - Wirtschaftspolitik und Management
    - Schuldentragfähigkeit und Wirtschaftlichkeit
    - Wettbewerbsfähigkeit und Innovation
    vorstellbar. Zwingend ist die Transparenz aller Untersetzungen der Ratingkriterien bis zu einem Gewicht
    von 2 bis 3% durch die Europäische Ratingagentur.
    Dr. Bernd Lindemann

  • Wir brauchen keine neuen Ratingagenturen. Wir brauchen neue Politiker, die die wahre Demokratie wieder durchsetzen. Weg mit der CDU, CSU, FDP. SPD und Grüne. Wir werden 2013 die Pieaten wählen. Womit haben die großen Parteien es immer wieder verdient, im Bundestag zu sitzen? Welche politische Leistung steckt dahinter? Antwort: Keine! Wir haben aus Bequemlichkeit immer wieder den gleichen Mist gewählt, aus Gewohnheit! Stimmts? Ändern wir das nächstes Jahr endlich!

  • Soso.
    Die bösen us-Agenturen geben also den wirklich guten Papieren der PIGS schlechte Noten. Eben weil sie so böse sind!
    Aber jetzt kommt der Rächer der Enterbten in Gestalt einer Deutschen Stiftung: Gute Noten für Griechen und alle, die ähnliche Probleme haben.

    Es wird sich wohl de facto um eine Versorgungsanstalt für abgehalfterte Personen aus der der Polit- und Finanzwelt handeln, angereichert mit Frauenquote.

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