Einigung
Tarifkonflikt im Einzelhandel praktisch gelöst

Die Insolvenz des Arcandor-Konzerns beschleunigte den Weg zur Einigung: Im Tarifkonflikt des Einzelhandels haben sich Gewerkschaft und Arbeitgeber im Schlüsselbezirk Nordrhein-Westfalen ein Kompromiss mit Gehaltserhöhungen in zwei Stufen gefunden. Damit ist der Weg für eine bundesweite Lösung frei.

BERLIN. Im Schatten der Karstadt-Insolvenz haben Gewerkschaft und Arbeitgeber ihren Tarifkonflikt im Einzelhandel kurzfristig beigelegt. Beide Seiten verständigten sich im Schlüsselbezirk Nordrhein-Westfalen auf ein Kompromisspaket, das als Vorlage für die Gesamtbranche mit ihren insgesamt 2,7 Millionen Beschäftigten dienen soll. Der Pilotabschluss mit einer Laufzeit bis April 2011 sieht vor, dass die Gehälter in zwei Stufen um zusammen 3,5 Prozent steigen.

Verdi-Vize Margret Mönig-Raane räumte ein, der kurz vor der entscheidenden Verhandlung gestellte Insolvenzantrag für den Essener Arcandor-Konzern und dessen Warenhaussparte Karstadt habe tarifpolitisch Tribut gefordert: "Das hat die Situation belastet", sagte sie. "Sonst wären beim Tarifergebnis sicherlich einige Zehntel mehr drin gewesen." In der aktuellen Sondersituation der Branche sei es aber auch ein Wert, tarifvertraglich rasch Sicherheit zu bekommen, ergänzte NRW-Verhandlungsführerin Liselotte Hinz.

Für Verdi war es schon die zweite große Tarifrunde in kurzer Folge, die von Krisenereignissen überrollt wurde. Im Herbst 2008 war die Finanzmarktkrise in die laufende Banken-Tarifrunde hineingeplatzt. Dort hatte Verdi anfangs ein Plus von acht Prozent durchsetzen wollen, akzeptierte dann aber nach mehrmonatiger Verhandlungspause einen Vertrag mit 2,5 Prozent. Im Einzelhandel war die Gewerkschaft im April mit einer Forderung von 6,5 Prozent gestartet.

Die Arbeitgeber sehen den NRW-Kompromiss zwar wie Verdi als Basis für die noch ausstehenden Einzelhandelsabschlüsse in den übrigen Tarifgebieten. Angesichts der erwarteten Verschlechterung von Konsumklima und Umsätzen im weiteren Jahresverlauf stuften sie indes auch den vorliegenden Zwei-Jahres-Abschluss als ambitioniert ein. Dieser sei "eine schwierige, aber nicht unmögliche Gratwanderung zwischen Einkommensperspektive und verantwortbarer Kostenbelastung", sagte Rainer Marschaus, Vorsitzender des tarifpolitischen Ausschusses der Handelsverbände HDE und BAG.

Im Einzelnen beinhaltet der Abschluss Tariferhöhungen von zwei Prozent ab September 2009 und von weiteren 1,5 Prozent ab September 2010. Hinzu kommen 150 Euro Einmalzahlung im April 2010 sowie weitere 150 Euro Anfang 2011. Diese sollen als Beitrag zur bestehenden tariflichen Altersvorsorge fließen, auf Wunsch aber auch als Warengutschein.

Angesichts der stark rückläufigen Teuerung sieht Verdi trotz der erkennbaren Abstriche auch das Ziel realer Gehaltszuwächse erreicht. Zudem liegt das Niveau zumindest etwas über den jüngsten Abschlüssen der Industrie: In der Textil-, Stahl- und Druckindustrie hatten die Tarifparteien Zwei-Jahres-Verträge vereinbart, die für 2009 nur Einmalzahlungen vorsahen - und erst ab 2010 wieder reguläre Tariferhöhungen. Einen weiteren Punkt hebt Verdi als Erfolg hervor: Anders als bei der IG Metall im Fall der Textilindustrie hätten die Arbeitgeber im Handel mit der Forderung nach Öffnungsklauseln für betriebliche Abweichungen vom Flächentarif keinen Erfolg gehabt.

Trotz Insolvenz können laut Verdi prinzipiell auch Beschäftigte von Karstadt von dem Tarifabschluss profitieren - sofern es überhaupt eine Zukunft für sie gibt. Die Gehälter sind zunächst für drei Monate bis Ende August durch Insolvenzgeld der Arbeitsagentur gesichert. Die erste Stufe der Tariferhöhung steht nach Ende dieser Frist im September an.

Noch ungelöst ist indes die bisher parallel laufende Tarifrunde im Großhandel. Dessen Firmen sind je nach Teilbranche - von Stahl- bis Pharmagroßhandel - sehr unterschiedlich von der Krise betroffen. Weitgehend unberührt davon führt Verdi derweil den Streik für bessere Arbeitsbedingungen in Kindergärten fort. Dort sind für Montag weitere Gespräche mit den Arbeitgebern geplant.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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