Enfants terribles der deutschen Wirtschaft
Eigentlich Harakiri

Sie sind die Revoluzzer der Wirtschaft, Querdenker, Pioniere und Unternehmer zugleich. Sie knacken die letzten Kartelle, Monopole, Privilegien und wettbewerbsfeindlichen Gesetze. Ohne sie gäbe es keine billigeren Medikamente, keine besseren Schulen oder preiswertere Kunst: die Enfants terribles der deutschen Wirtschaft.
  • 0

DÜSSELDORF. Drohbriefe, böse Mails, jahrelange Gerichtsverfahren, fiese Tricks. Wer in Branchen einbricht, in denen der Markt an der Kette liegt und Etablierte das Geschäft unter sich aufteilen, braucht Mut und muss einstecken können.

Edwin Kohl zieht die Wut der Apothekerverbände auf sich - mit einem Service für chronisch Kranke, die verschiedene Medikamente zu unterschiedlichen Tageszeiten einnehmen müssen. Der 57-jährige Saarländer plant, die vielen bunten Tabletten in praktischen Packungen zum Durchdrücken anzubieten: übersichtlich nach Wochentagen und Tageszeiten sortiert. 70 Millionen Euro hat Kohl bereits investiert, 400 Medikamente will er ins Lager nehmen, um sie über ausgewählte Apotheken zu vertreiben. In zehn Jahren soll Kohlpharma allein in Europa zehn Millionen Patienten versorgen und fünf Milliarden Euro einnehmen - Geld, das vielen kleinen Apotheken fehlen wird.

Alexander Olek legt sich mit trägen Lehrern und Beamten an. Er schert sich nicht darum, dass der Schulbesuch in Deutschland als Staatsaufgabe gilt. Er überzieht die Republik mit einer privaten Schulkette namens Phorms. Der Besuch der Grundschule kostet je nach Einkommen der Eltern monatlich 143 bis 934 Euro pro Kind. "Eliteschule? Nein. Elitelehrer? Ja", stichelt Olek. Dafür erntete er böse Polemik. ,,Es ist unanständig, sich auf dem Rücken der Kinder zu bereichern??, wettert Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Der konservative Standesvertreter tat sich bisher hervor, indem er das schlechte Abschneiden des deutschen Schulsystems im internationalen Vergleich als "Pisa-Schwindel" leugnete.

Stefanie Harig und Marc Ullrich - geschäftlich und privat Partner - mischen den Kunstmarkt auf. Die beiden Galeristen ignorieren ein ungeschriebenes Gesetz der Branche und verkaufen großformatige Arbeiten von Fotokünstlern in höheren Auflagen als üblich. So drücken sie die Preise von mehreren Tausend auf ein paar Hundert Euro pro Exemplar, verdienen aber durch die höheren Umsätze prima. Lumas nennen die zwei ihre Galerien. Sieben haben sie in Deutschland bereits eröffnet, eine machte Ende 2006 in New York auf. Doch der Widerstand ist heftig. Galeristen und Händler setzten Fotokünstler teilweise so unter Druck, dass sie mit Harig und Ullrich keine Verträge abschlossen.

Die drei angriffslustigen Unternehmer zählen zur wertvollsten Spezies, die die Marktwirtschaft zu bieten hat. Wie mit hochempfindlichen Antennen erkennen sie, wo sich das Spiel von Angebot und Nachfrage nicht frei entfalten kann. Sei es, dass der Staat wie bei den Apothekern die Anbieter vor Wettbewerb schützt und Verbände gnadenlos Standespolitik betreiben. Sei es, dass Unternehmen sich wie im Handwerk teils offen, teils heimlich hinter gesetzlichen Vorschriften zu Kartellen zusammenschließen. Oder dass die Anbieter zu zahlreich und die Kunden zu uninformiert sind, um richtigen Wettbewerb in Gang zu setzen.

Fast immer attackieren Querdenker etablierte Absahner und vergällen ihnen das gute Leben auf Kosten der anderen. Wie Trüffelhunde erschnüffeln sie die überhöhten Gewinne, die in der minderen Qualität und den überhöhten Preisen schlummern, mit denen die herrschenden Anbieter das Publikum ausbeuten. Und mit der Aussicht, die Extraprofite dezimieren und trotzdem verdienen zu können, schleifen sie die Bastionen einträglichen Miteinanders. Mal nerven und provozieren sie aus Lust und Überzeugung wie Michael O?Leary, der mit der Billigflugkette Ryanair den großen Airlines ihre schönen Preisspannen kaputt machte. Mal hieven sie wie der Düsseldorfer Heiner Kamps, der die gleichnamige Backwarenkette aufzog, eine Branche aus ihrem zünftigen Dasein ins industrielle Zeitalter. Stets ungeliebt, angefeindet und bekämpft.

Kommentare zu " Enfants terribles der deutschen Wirtschaft: Eigentlich Harakiri"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%