Englischer Wein
Wie in der Champagne

Englischer Wein? Das hört sich in den Ohren von kontinentaleuropäischen Weinliebhabern ziemlich skurril an – noch. Denn der Weinbau in England erlebt eine Renaissance. Englischer Rebensaft hat in den vergangenen Jahren internationale Preise abgeräumt, die Zahl professioneller Betriebe wächst und der Markt hat Durst auf mehr.

LONDON. Ein frischer Wind treibt ein paar dunkle Wolken über die Hügelkette der South Downs. Es sieht nach dem ersten Regen seit vier Wochen aus, doch dann bleibt es bei ein paar dicken Tropfen. Der Boden ist fast weiß und so trocken, dass er von einem unregelmäßigen Gitter zentimetertiefer Risse durchzogen ist. Die Weinreben stört das nicht: Die Triebe sind hellgrün, die Stöcke stehen makellos in Reih und Glied.

„Die Leute meinen ja immer, in England würde es nur regnen“, sagt Michael Roberts, „dabei regnet es zum Beispiel in den Weinanabaugebieten Australiens viel mehr.“ Der beleibte, weißhaarige Mann ist der Patriarch des Weinguts Ridgeview in East Sussex, ein paar Meilen vom Badeort Brighton entfernt. Das milde Klima und der kreidige Boden sorgen hier für Bedingungen wie sonst nur in der Champagne. Die warmen Sommer der letzten Jahre brachten den Winzern Rekordernten.

Roberts nutzt die günstigen Bedingungen, um die traditionellen Champagner-Rebsorten Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier zu kultivieren. 1994 pflanzte er die ersten 20 000 Weinstöcke. Ein Jahr zuvor hatte er seine mittelständische IT-Firma verkauft und auf Winzer umgeschult. Mit Hilfe renommierter Berater und moderner Technik zog Roberts ein professionelles Weingut auf – und räumte schon mit den ersten Jahrgängen internationale Preise ab.

Solche Erfolge sind es, die die Fachwelt aufhorchen lassen. Wein aus England ist zwar noch immer rar, doch die Zahl professioneller Betriebe wächst, und der Markt hat Durst auf mehr. Seit 2005 sei die Anbaufläche um knapp ein Drittel auf über 1 000 Hektar gewachsen, sagt Julia Trustram Eve, Marketing-Managerin des Englischen Winzerverbandes. Das entspricht einem Hundertstel der Fläche, die deutsche Winzer bestellen. Dank historischer Verbindungen dominieren deutsche Traubensorten in England. Doch das ändert sich, auch durch die rasch steigende Sektproduktion. Roberts schätzt, dass sie sich bis 2015 auf 3,5 Millionen Flaschen mehr als verzehnfachen werde. Auch das ist aber kaum eine Konkurrenz zu den fast 40 Millionen Flaschen Champagner, die die Briten im Jahr importieren.

Heute teilt Roberts seinen Sekt eher zu, als dass er ihn verkauft – er weist sogar Supermarktketten ab und hofft, dass sie zurückkommen, wenn er seine Produktion bis 2010 auf 120 000 Flaschen im Jahr mehr als verdoppelt hat. Dann will er auch stärker ins Ausland verkaufen. Mit rund 20 Pfund (30 Euro) je Flasche liegt er in der mittleren Preiskategorie für Champagner.

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