Eröffnung
Nächste Station: Berlin Hauptbahnhof

Nachdem die Eröffnung des neuen Berliner Hauptbahnhofs mehrfach verschoben wurde, ist es nun endlich soweit. Mit einer großen Party wird der aufwendigste und teuerste Bahnhofsneubau der Nachkriegszeit am 26. und 27. Mai eröffnet. Doch das Millionen-Projekt erntet nicht nur Beifall. Warum sich nicht alle Berliner auf den neuen Bahnhof freuen.

HB BERLIN. Gläserne Hallen, filigrane Stahlkonstruktionen und Schwindel erregende Durchblicke: Mit der Eröffnung seines neuen Hauptbahnhofs bekommt Berlin Ende Mai mehr als einen zentralen Bahnknotenpunkt samt Einkaufszentrum. Der Prestigebau nahe dem Regierungsviertel ist auch eine architektonische Attraktion.

Der aufwendigste und teuerste Bahnhofsneubau der Nachkriegszeit wird am 26. und 27. Mai mit einer großen Party eröffnet. Die Festrede hält Bundeskanzlerin Angela Merkel, nachts soll eine Lichtshow den Hauptbahnhof zum Leuchten bringen. Die Fußball-Weltmeisterschaft wird dann seine erste große Bewährungsprobe haben.

Dieser Bahnhof hat schon Schlagzeilen gemacht, als von ihm noch gar nicht viel zu sehen war. In der städtebaulichen Brache nahe dem Mauerstreifen sahen Berliner und Touristen vor sechs Jahren mit offenen Mündern zu, wie Taucher in riesigen Baugruben unter Wasser Betonschichten anlegten. Die Meisterleistungen der Ingenieurbaukunst haben mit den Jahren nichts von ihrer Faszination verloren. Stundenlang reckten Schaulustigen noch im vergangenen Sommer die Hälse, als tonnenschwere Metallbrücken über das gläserne Bahnhofsdach geklappt wurden.

Zugverkehr unter der Spree

Nun ist das rund 700 Millionen Euro teure Wunderwerk der Technik, das die Bahn stolz den größten Kreuzungsbahnhof Europas nennt, betriebsbereit. 15 Meter unter der Erde fahren vom 28. Mai an die Züge aus Norden und Süden ein. Durch einen 3,6 Kilometer langen Tunnel rollen sie unter der Spree, dem Regierungsviertel und dem Potsdamer Platz hindurch. Die Züge aus Ost und West gleiten 10 Meter über der Erde auf dem Stadtbahn-Viadukt heran. Wie in einer Kathedrale wölben sich die gläsernen Dächer der Haupthalle darüber und lassen das Tageslicht bis in die Untergeschosse fallen. Gläserne Aufzüge schweben zwischen fünf Ebenen hin und her.

Vom südlichen Bahnhofsportal bietet sich künftig ein ganz neues Berlin-Panorama: Reisende können ihre Blicke über die Spree hinweg, zum Reichstag, zum Bundeskanzleramt oder zum Potsdamer Platz schweifen lassen. In der Ferne ist der Fernsehturms zu erkennen, zur Zeit im Fußball-Look. Es ist ein Bahnhof mit Aussicht.

Kaum jemand ist so eng mit dem Hauptbahnhof verbunden wie der technische Bauleiter Hany Azer. „Meine Pyramide“ nennt der gebürtige Ägypter den Bau liebvoll. Wenn er nun mit hängenden Schultern über die schrumpfende Baustelle läuft, ist zu ahnen, wie sehr er am Job seines Lebens hängt. Azer wird nicht müde, den Ingenieuren und Journalisten die Vorzüge des Bahnhofs zu erläutern, seine technischen Raffinessen von der Photovoltaik-Anlage auf dem Dach bis zur Stromschiene im Untergeschoss zu erklären. Es ist ein wenig wie in einer Zirkusmanege: „Kommen Sie, schauen Sie, staunen Sie!“, sagt Azer.

Die Freude auf den neuen Bahnhof ist in diesen Tagen zu spüren. Lokführer lernen fasziniert die neue Tunnelstrecke kennen, in der Betriebszentrale haben sich Bahner für den 28. Mai freiwillig zur Frühschicht gemeldet. Sie wollen dabei sein, wenn um 4.20 Uhr mit dem ersten regulären Zug ein neues Berliner Eisenbahnkapitel beginnt.

Westberliner trauern um Bahnhof Zoo

In der langen Bahngeschichte der Stadt ist der Hauptbahnhof etwas Einmaliges. Zuerst von Kopfbahnhöfen und später von der Teilung geprägt, bot Berlin noch nie einen zentralen Umsteigebahnhof. In der Euphorie der Nachwendezeit entschieden sich Bund und Bahn für den großen Wurf: eine Verkehrsdrehscheibe mitten in der Stadt. Ein Bau, der andere europäische Hauptstädte neidisch werden lässt, wie Bahnchef Hartmut Mehdorn gern sagt.

10 Milliarden Euro haben der Umbau und die Modernisierung des Berliner Bahnnetzes seit Mitte der 90er Jahre verschlugen. Nun steht auch die Frage an, ob sich das gelohnt hat. Denn die ganz große Zufriedenheit über den Hauptbahnhof ist bisher ausgeblieben. Seine Eröffnung wurde mehrfach verschoben, dieKosten explodierten über die Jahre von kalkulierten 400 Millionen Mark auf auf geschätzte 700 Millionen Euro. Über genaue Zahlen schweigt die Bahn weiterhin hartnäckig.

Die Liste der Zweifler ist lang. Architekt Meinhard von Gerkan nahm die Verkürzung seines Glasdachs um 100 Meter übel und klagt noch immer gegen die Deckengestaltung im Untergeschoss. Die Westberliner schmollen seit Monaten über die Abkoppelung des Bahnhofs Zoo vom Fernverkehr und wollen am 27. Mai Trauerkränze auf seinen Bahnsteigen auslegen. Der Bau ist für das heutige Berlin zu groß geraten und noch nicht perfekt zu erreichen. U-Bahn und Tram-Anschluss fehlen noch, und auch eine S-Bahnlinie Richtung Norden lässt auf sich warten.

Die Führungsetage der Bahn wirkt vom Berliner Gemecker leicht genervt. Doch zur Eröffnung will sie sich nicht lumpen lassen. Eine „Super-Party“ zur Eröffnung, verspricht Sprecher Ralf Klein-Böting vollmundig, „Bilder, die um die Welt gehen“.

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