Erstes Altenheim für Muslime
Lebensabend unterm Halbmond

Die Marseille-Kliniken eröffnen in Berlin das erste Altenheim nur für Muslime. Selbst für einen der größten Betreiber von Rehakliniken und Altenpflegeheimen ist es ein schwieriger Markt. Anderswo funktioniert „Multikulti“ schon ganz gut. Eine Handelsblatt-Reportage.

BERLIN. Es war fast schon ein Ritual, eines, das Lebensmut gab, bessere Zeiten versprach: Immer wieder versicherten sich Asuman und ihr Ehemann, dass sie eines Tages in die Türkei zurückgehen würden.

Gemeinsam kamen sie vor über 30 Jahren aus Ost-Anatolien nach Deutschland. Zwei Kinder wurden in Deutschland geboren. Doch als die längst eigene Wege gehen, wird der Ehemann bettlägerig.

Seit zehn Jahren pflegt Asuman ihn, richtet ihr Leben in den wenigen Quadratmetern um sein Bett ein. Die Kinder helfen, aber nicht genug. Nur selten entrinnt sie dem Rhythmus aus heben, stützen, waschen, füttern. Manchmal erkennt er sie nicht.

Asuman ist selbst schwer krank, sie leidet an Diabetes und Bluthochdruck. Als sie erfährt, dass in Berlin-Kreuzberg das erste Altenheim für türkische Senioren eröffnet wird, ist sie erleichtert. Dort im „Huzur Evi“, im „Haus zum Wohlfühlen“, wird sie ihren Mann anmelden. Das erste Altenheim seiner Art in Deutschland wird in wenigen Tagen eröffnet.

Celal Altun, Vorsitzender der türkischen Gemeinde in Berlin, steht in dem frisch sanierten Gebäude und erzählt Asumans Geschichte, die so typisch ist für viele türkische Zuwanderer. Sie selbst möchte das nicht tun. Einen Angehörigen in ein Pflegeheim zu geben, das ist für viele türkische Familien noch ein Tabu.

Es ist ein schwieriger Markt, in den sich die Marseille-Kliniken mit dem neuen Heim in Kreuzberg wagen – selbst für einen der größten Betreiber von Rehakliniken und Altenpflegeheimen. Deshalb hat sich der börsennotierte Konzern auch Unterstützung besorgt: Am Heim in Kreuzberg ist die Türkische Gemeinde Berlin mit 20 Prozent beteiligt.

Aber es ist auch potenziell ein attraktiver, bisher kaum erschlossener Markt. In Deutschland leben etwa 758 000 Ausländer, die älter als 60 Jahre sind. Nach einer Prognose des Deutschen Zentrums für Altersfragen wird ihre Zahl bis 2010 auf 1,3 Millionen steigen. Und 2030 könnten es 2,8 Millionen sein.

Die erste Generation der Gastarbeiter kommt in die Jahre, viele sind nicht in ihre Heimat zurückgekehrt – und sie haben oft ein Leben lang geschuftet: Schicht- und Akkordarbeit in der Automobil-, der Montanindustrie oder auf dem Bau, immer wieder Überstunden, um mehr übrig zu haben für die Familie hier oder daheim.

So leiden ausländische Senioren im Vergleich zu deutschen viel häufiger an chronischen Krankheiten. Und die Beschwerden summieren sich – „multimorbid“ lautet dann die Diagnose. Angehörige können diese Schwerstpflege kaum noch leisten.

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