Escada
30 Sekunden vor zwölf

Wer rettet denn nun Escada? Auf der Hauptversammlung des Modekonzerns in München weichen Vorstand und Aufsichtsrat den bohrenden Fragen der Aktionäre aus. Nicht einmal der jährliche Auftritt der Pelzgegner erschüttert die entrüsteten Anteilseigner.

MÜNCHEN. Sie nennen ihn den „kleinen Napoleon“, wenn er es gerade nicht hören kann, in Aschheim bei München, am Firmensitz von Escada. Und die Atmosphäre im prunkvollen Ballsaal des Arabella Sheraton in München würde einem Kaiser zur Ehre gereichen. Nur hat der „Kaiser“, dem zu lauschen sein Volk erschienen ist, so gar nichts Kaiserliches.

Im Gegenteil. Recht klein wirkt Jean-Marc Loubier hinter dem Rednerpult, und siegessicher oder selbstbewusst kommt er auch nicht rüber. Den bohrenden Fragen seiner Aktionäre weicht der Chef des Modekonzerns Escada am liebsten aus. Seine bisherigen beruflichen Erfolge? Warum er in München keinen festen Wohnsitz hat und auf Kosten Escadas im Luxushotel wohnt? Warum er Tantieme erhält, obwohl die Escada-Aktie seit seinem Amtsantritt 75 Prozent an Wert verloren hat?

„Escada ist bereit für ein Comeback“ lautet eine der wenigen genuschelten Antworten, die es von der Bühne bis runter zu den Aktionären schaffen. Das liegt auch daran, dass Loubier ein Englisch spricht, das wie Französisch klingt.

Aufsichtsratschef Claus Mingers springt ihm bei: „Loubier ist ein internationaler Topmanager“, sagt er. Und: „Der CEO ist exzellent geeignet.“

Die Aktionäre auf der Hauptversammlung sind sich da nicht so sicher. Der Glanz der einst für ihre Goldknöpfe berühmten Marke verblasst. Das vergangene Geschäftsjahr endete bei rückläufigen Umsätzen auf 686 Millionen Euro mit einem Verlust von 27 Millionen Euro. Eine Dividende gibt es wie in den Jahren zuvor wieder nicht. Und in das Gezerre um die Macht bei Escada kommt auch kein Licht.

„Escada ist eine Katastrophe, und zwar in allen Belangen“, ruft Christoph Öfele von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger in den Ballsaal. „Die operative Entwicklung ist ungenügend! Die Akzeptanz der Mode: ungenügend! Der Aktienkurs: ungenügend! Die Darstellung nach innen und außen: ungenügend! Nur die Bezahlung der Vorstände“, Öfele macht eine theatralische Pause, „die ist überragend!“

Es ist nicht so, das Escada seit der Gründung 1976 nicht schon Krisen erlebt hat. Nach sensationellem Start in den 80er-Jahren stand Escada – die Marke ist nach einem Rennpferd benannt – bereits zweimal am Rande des Ruins. Einmal rissen Beteiligungen die Firma in die Miesen; das zweite Mal die Krise der Luxusindustrie infolge der Terroranschläge des Jahres 2001 und der Sars-Seuche in Asien. Es folgte ein missglückter Generationenwechsel von Gründer Wolfgang Ley zu Ziehsohn Frank Rheinboldt.

Die Geduld riss schließlich Großaktionär Rustam Aksenenko. Er verweigerte Rheinboldt auf der Hauptversammlung 2007 erst die Entlastung – und schasste ihn schließlich ganz. Seine Munition: eine Studie der Beratungsfirma Bain, die den Rückstand von Escada zu anderen europäischen Luxusmarken brandmarkte.

Neuer Escada-Chef wurde Loubier. Der hat zwar keine großen Erfolge vorzuweisen, kommt aber aus bestem Hause, dem weltgrößten Luxusgüterkonzern LVMH. Doch die Restrukturierung stockt weiter, Kreditkrise und Konjunktursorgen taten ihr Übriges. Der Kurs der Escada-Aktie brach ein – seit Sommer 2007 von 37 Euro auf unter zehn Euro. „Bei Escada ist es nicht fünf Minuten vor zwölf, bei Escada ist es 30 Sekunden vor zwölf“, sagt einer, der die Branche gut kennt.

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