EU beendet Milchquoten-System
Die Rückkehr des Milchsees

Es ist das Ende einer Ära: Von Mittwoch an ist die Milchquote Geschichte, Landwirte können wieder so viel Milch produzieren, wie sie möchten. Für den Verbraucher könnte das erfreuliche Folgen haben.
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DüsseldorfAm Anfang standen Butterberg und Milchsee. Vor 31 Jahren war die landwirtschaftliche Überproduktion ein Dauerbrenner in den deutschen Medien. Jahrzehntelange Übersubventionierung hatte Anfang der 1980er-Jahre dazu geführt, dass gerade bei Milchprodukten viel mehr hergestellt wurde, als verbraucht werden konnte. Die Preise verfielen, bei der damals noch EG genannten EU türmten sich die Ankäufe über Marktpreis, die Lager quollen über. Was folgte, war die Intervention: Brüssel führte die Milchquote ein.

Heute, drei Jahrzehnte später, ist die Quote passé. Seit 1984 war die Menge, die Milchbauern ohne Strafaufschläge verkaufen durften, auf zehn bis 20 Prozent über dem Marktbedarf gedeckelt. Zum 1. April wird dieses Äquivalent zur Ölfördermenge abgeschafft, Milchwirte dürfen so viel verkaufen, wie sie können. Und diese neue Freiheit steht unter einem guten Stern: Am Montag gab die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung bekannt, dass der Frischmilchverbrauch in Deutschland um eine Million Tonnen auf insgesamt 32 Millionen Tonnen gestiegen ist. Die Milch macht’s.

83 Kilo Milchprodukte verzehrt der Bundesbürger jährlich im Schnitt, einschließlich Butter und Käse. Seit 2007 das Angebot erstmals die Nachfrage unterschritt und der „Milchpreisschock“ folgte, hat das Preisniveau angezogen. Dennoch schwankt der Milchpreis seit Jahrzehnten – und offenbart so, dass die Quote ihr eigentliches Ziel, ein berechenbares Einkommen für Milchbauern, nicht erfüllt hat. Zuletzt dümpelte der Preis für Milch wegen Überproduktion auf einem Fünfjahrestief.

Nun dürfte die Frischmilch weiter schwappen. Nur in welche Richtung die Preisentwicklung geht, ist nicht ganz klar. „Letzte Zuckungen“ der Quote waren in den vergangenen Tagen noch zu spüren, wie das Informations- und Forschungszentrum der Ernährungswirtschaft beobachtete. Um keine Strafzahlungen mehr zu riskieren, hätten manche Bauern die Produktion gedrosselt, indem sie Kühe schlachteten oder Futtermengen reduzierten. Auch international gingen Anlieferungen zurück, sodass die zuletzt relativ niedrigen Preise wieder anziehen, wie der Milchindustrie-Verband analysierte. Auch Verbraucher müssten daher in den nächsten Monaten mit höheren Preisen rechnen. Jenseits des Exports könnten kleinere Höfe stärker auf eigene Absatzmärkte setzen, zum Beispiel mit regionaler Biomilch.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) trauert der Quote nicht nach: „Staatliche Markteingriffe sind auf Dauer keine Lösung und angesichts des globalisierten Marktes auch nicht mehr realistisch.“ Die regierungsamtliche Bilanz zur Milchquote fällt denn auch eher enttäuschend aus. Statt die Einkommen der Milchbauern verlässlich zu stabilisieren, hätten die Preise für Rohmilch in den vergangenen 30 Jahren trotz der Quote um bis zu 20 Cent je Kilo geschwankt. Viele Höfe verschwanden. So sank die Zahl der Milcherzeuger in Deutschland seit 1984 von 369.000 auf lediglich 77.000.

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