EuGH-Urteil
Katerstimmung in Supermärkten und Drogerien

Monatelang hatten sie an Konzepten gefeilt, Apotheker eingestellt und nach günstigen Vertriebsflächen gesucht. Heute zerplatzte für viele Einzelhandelsketten endgültig der Traum von einer lukrativen Expansion in den Apothekensektor. Den sensiblen Gesundheitsmarkt, urteilten die Luxemburger Richter sinngemäß, wolle man den weniger gewinnorientierten approbierten Apothekern reservieren.

DÜSSELDORF. Entsprechend herrschte am Dienstag bei vielen Handelsketten Katerstimmung. Die Kölner Rewe-Gruppe etwa hatte gemeinsam mit der Schweizer Zur-Rose-Gruppe ausgelotet, wie sich der Medikamentenverkauf in Supermärkten und Verbrauchermärkten einrichten lässt. Die Drogeriemarktkette dm ging sogar einen Schritt weiter: Sie baute ihre Filialen zu Bestell-Stationen für den Versender Europa Apotheek Venlo aus. Der dm-Partner hatte sich zudem vor einem Jahr vom US-Pharmavertriebskonzern Medco aufkaufen lassen – und damit für weitere Spekulationen gesorgt. „Wenn sich die Gelegenheit bietet, könnten wir in Zukunft auch eine eigene Apothekenkette aufbauen“, sagte damals Medco-Vizepräsident David Israel dem Handelsblatt.

Auch Drogeriemarktführer Schlecker feilte am großen Einstieg in den Medikamentenverkauf. Das Unternehmen aus dem schwäbischen Ehingen hatte nicht nur in Stellenanzeigen nach Apothekern gesucht, über das Internet bietet Schleckers Versender Vitalsana zudem längst Arzneimittel zu Sonderpreisen.

Der 36,5 Mrd. Euro schwere Apothekenmarkt ist für alle lukrativ. Immerhin wuchs er zuletzt mehr als vier Prozent, während der klassische Einzelhandel stagniert. Laut einer Studie der Deutschen Bank generierten die Arzneimittelverkäufe zudem Margen von zehn Prozent – Supermärkte müssen sich üblicherweise mit drei begnügen.

Am Dienstag zeigten die meisten Händler gute Miene zum bösen Spiel. „Wir sehen uns in unserer abwartenden Haltung bestätigt“, sagte ein Rewe-Sprecher. Auch bei der discountorientierten Easy-Apotheke übte man sich in Zweckoptimismus. „Deutschlands erfolgreichste Discountapotheke setzt mit ihrem Franchise-Konzept konsequent auf den selbstständigen Apotheker als Partner und sieht sich durch das Urteil aus Luxemburg gestärkt“, hieß es in einer Pressemeldung. Tatsächlich aber hatte Unternehmensgründer Oliver Blume – ähnlich wie der Wettbewerber Doc Morris – gehofft, künftig auch ein reguläres Filialnetz aufziehen zu können. Apotheken-Franchisern nämlich ist es untersagt, eine erfolgsorientierte Vergütung zu vereinbaren. Auch Easy-Apotheke darf lediglich einen monatlichen Fixbetrag von 1 500 Euro als Gebühr von seinen Betreibern nehmen.

Branchenexperten wie Rüdiger Ott vom Apothekendienstleister 360-Grad-Healthcare verweisen darauf, dass der Luxemburger Gerichtsentscheid zunächst die Arzneimittelversender stärkt. Sie nämlich brauchen nun nicht mehr die Preiskonkurrenz durch Billigketten zu fürchten. Doch eine Novelle des Arzneimittelgesetzes sei bereits geplant, warnt er. Und ihr könnte schon bald das sogenannte Pick-up-Modell – mit Abholstationen wie bei Schlecker und dm – zum Opfer fallen.

Die Karlsruher dm-Zentrale zeigt sich dennoch unbeirrt. „Im Laufe des Sommers werden wir alle Filialen, in denen dies möglich ist, mit Arzneimittel-Bestellstationen ausgestattet haben“, kündigte ein Firmensprecher am Dienstag an.

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