Europas führende Billig-Airlines forcieren Expansion
Easyjet überholt Ryanair und bedrängt deutsche Fluglinien

Ungeachtet der widrigen Wettbewerbsbedingungen mit hohen Kerosin- und niedrigen Ticketpreisen setzen Europas führende Billigfluglinien ihre Expansion im deutschen Markt rasant fort. Ryanair kündigte gestern an, seine zweite Deutschland-Basis nach Hahn (Hunsrück) am Flughafen Lübeck zu eröffnen: 70 Kilometer nördlich von Hamburg will der irische Preisbrecher zunächst vier neue Boeing-737-Flugzeuge stationieren und jährlich zwei Mill. Passagiere anlocken.

FRANKFURT/M. Die Entscheidung für das rund 250 Mill. Euro teure Investment hänge aber noch von der Genehmigung zum Ausbau der Start- und Landebahn in Lübeck ab. Der neuseeländische Immobilien-Investor Infratil Ltd. hat 90 Prozent der Flughafen Lübeck GmbH für 13 Mill. Euro unter eben dieser Bedingung gekauft. Infratil besitzt bereits die Flughäfen Glasgow Prestwick (Schottland) und Wellington (Neuseeland) und kooperiert in Glasgow mit Ryanair.

Easyjet stockt derweil seine Präsenz in Berlin massiv auf: Wenn der leitende Geschäftsführer Ed Winter am heutigen Freitag den zehnten Jet für den Flughafen Schönefeld in Empfang nimmt, präsentiert sich das Unternehmen mit einer Gesamtflotte von 100 Flugzeugen als größte Billig-Airline Europas. Im Kopf-an-Kopf-Rennen mit Ryanair liegt der Rivale aus Londons Vorort Luton wieder knapp vorn – sowohl bei den Passagierzahlen als auch beim Wachstum: Die Easyjet-Verkehrszahlen kletterten im März um 29 Prozent auf 2,6 Mill. Passagiere, Ryanair lag mit einem fast identischen Fluggastvolumen und Wachstumsraten von rund 20 Prozent knapp dahinter.

Der Kampf um wichtige Marktanteile verlagert sich dabei immer stärker nach Deutschland, obwohl dort mit Air Berlin, DBA, Germanwings und Hapag-Lloyd Express vier weitere Billigflieger aktiv sind. Ryanair-Chef Michael O’Leary prophezeite deshalb bereits ein „Blutbad“ zwischen Hamburg und München, das bisher aber ausblieb. „Es gibt in Deutschland noch genügend Potenzial für Wachstum“, sagte ein Germanwings-Sprecher und verwies auf die ambitionierten Pläne des Lufthansa-Ablegers in Köln/Bonn, Berlin und Stuttgart. Weitere Standorte im Inland und der Schweiz würden derzeit geprüft, hieß es.

Luftfahrtexperten indes sehen einige deutsche Fluganbieter durch das aggressive Wachstum der Branchenführer akut bedroht. „Der Markt ist auf einer schiefen Ebene“, sagt Dieter Schneiderbauer von der Unternehmensberatung Mercer Management. Er erwartet, dass die angelaufene Konsolidierung im Billigflugsektor noch im Sommer 2005 an Fahrt gewinnt: „Wir sind nur in einem Übergangsstadium“, betont Schneiderbauer. Mit Blick auf die anhaltend hohen Kerosinpreise und die angespannten Cash-Reserven seien bald weitere Anbieter zur Aufgabe gezwungen, sollten sie nicht vorher ihr Heil in größeren Firmenzusammenschlüssen suchen.

Wir werden das Wachstumstempo in Deutschland beibehalten“, sagte ein Easyjet-Sprecher. Im Norden Deutschlands etwa sei man bisher noch „wenig präsent“. Ryanair ist gestern in diese Lücke gestoßen und hat damit den Preisdruck auf Anbieter, die von Hamburg aus wachsen wollten, deutlich erhöht. Die Iren gelten mit Durchschnittskosten von 32 Euro pro Flugsitz als Kostenführer ihrer Branche. Schneiderbauer: „Wer künftig höhere Kosten als 80 Euro pro Flugsitz hat, hat im Wettbewerb keine Chance mehr.“

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%