Ex-Firmenchefin Steilmann zur Insolvenz
„Die Pleite hat mich traurig gemacht“

Britta Steilmann war Firmenchefin, Fußballmanagerin, Öko-Pionierin – und hat Rudolf Scharping beraten. Nun ist das Unternehmen, das ihr Vater einst gründete, pleite. Welche Chancen sie für Mode aus Deutschland sieht.

Frau Steilmann, wir erreichen Sie gerade in Marrakesch. Was machen Sie dort?
Ich arbeite als Interior Designerin an einem Boutique-Hotel-Projekt und habe vorher ein paar Tage Urlaub mit der Familie in dieser wunderbaren Stadt gemacht.

Haben Sie sich aus dem Modegeschäft zurückgezogen?
Ja, vor vielen Jahren. Ich wollte mich ganz bewusst um meine Familie kümmern. Mein ureigener Anspruch an mich in meinem Beruf hat sich damit nicht wirklich verbinden lassen. Ich bin froh, mir diese private Zeit gegönnt zu haben – eine große Bereicherung oder sogar ein Paradigmenwechsel für mich. Mein Berufsleben war so intensiv und facettenreich und jetzt ist es anders intensiv. Ich habe gelernt, dass nicht alles und alle so schnell sind wie ich, und ich habe die Qualität des Geschehenlassens dazu gewonnen. Mein Blick auf die Gesellschaft und das Leben hat viele Facetten dazu gewonnen.

Was haben Sie empfunden, als Sie von der Pleite der Firma hörten, die Ihren Namen trägt?
Es hat mich traurig gemacht. Ich finde es sehr schade, dass es nun auch Steilmann getroffen hat. Die Bekleidungsbranche verabschiedet sich lautlos vom Parkett. Mode spielt in Deutschland kaum noch eine Rolle. Schade, eine tolle Branche mit viel Freude und Kreativität, mit vielen Arbeitsplätzen und auch guten Chancen für Frauen. Seit meine Schwestern das Unternehmen vor zehn Jahren verkauft haben, habe ich es losgelassen. Es macht keinen Sinn, dem Vergangenen nachzuweinen. Jeder gibt sein Bestes, bestimmt auch die neuen Eigentümer. Die Welt verändert sich in solcher Geschwindigkeit, man muss stets bereit sein, sich neu zu definieren. Das scheint nicht gelungen zu sein. Es ist immer sehr traurig für alle Betroffenen, wenn eine Idee scheitert und damit viele Arbeitsplätze vernichtet werden.

Sie sind mit dem Unternehmen groß geworden, haben es jahrelang geleitet. Sehen Sie eine Mitschuld bei sich für den Niedergang?
Nein, weil ich nicht weiß, was gewesen wäre, wenn... Das ist reine Spekulation und ändert nichts. Ich hatte ein Ziel für das Unternehmen, das aber nicht vom Rest meiner Familie mitgetragen wurde. So ist es manchmal im Leben. Es ist nicht die richtige Zeit oder nicht der richtige Ort. Oder die richtige Person. Die Arbeit hat mir aber jede Menge Freude bereitet und ich habe gern und sehr viel gearbeitet. Das war gut.

Ihr Vater, der Gründer des Unternehmens, wollte Mode für Millionen und nicht für Millionäre machen. Kann man damit als deutsches Unternehmen heute noch Erfolg haben?
Ganz bestimmt, die Idee ist genauso richtig wie damals. Man muss es aber ganz anders machen. Die Zeit meines Vaters war großartig. Die Menschen brauchten Kleidung, und es hat ihnen Freude gemacht, sich gut zu kleiden. Alles war im Aufschwung, alle waren hochmotiviert. Ich erinnere mich gut an die Zeit. Heute erreicht man die Menschen anders, und die Bedürfnisse sind anders. Auch eine sehr spannende Zeit. Kleidung hat heute aber bestimmt einen anderen Stellenwert als damals.

Sie waren Pionierin mit Ihrer Öko-Kollektion. Heute findet sich Öko-Kleidung in allen großen Ketten.
Na ja, es könnte viel ökologischer in unserer Branche sein. Ich habe noch keine Produktlinie gefunden, die so konsequent ist, wie wir in den 90igern gearbeitet haben.

Wie sollte Mode aussehen?
Wenn ich sie malen dürfte, erlebten wir eine Renaissance der Qualität. Weniger ist mehr. Der Lieblingspulli, die Lieblingsjeans. Ich erlebe mein Produkt von der Entstehung bis zum Namen der Person, die es mir schickt. Wir tragen immer unsere Lieblingsstücke, aber der Kleiderschrank ist voll. Getragen wird nur ein Bruchteil. Ich liebe das Handwerk. Wir lernen und entwickeln uns durch das Tun. Mit der Idee des Grundeinkommens könnten Menschen wieder kreativ und handwerklich arbeiten.

Was hat das Grundeinkommen, also die Idee, dass jeder Mensch Geld bekommt auch ohne Arbeit, damit zu tun?
Ich bin fest davon überzeugt, dass die handwerkliche Arbeit Menschen Freude macht und gut tut. Für viele industrielle Visionen müssen wir allerdings unser System ändern. Wir besteuern Arbeit, die immer mehr schwindet. Das ist falsch, und wir halten an falschen gesellschaftlichen Ideen fest, die in ganz anderen Zeiten geboren wurden. Und versuchen verzweifelt, das was nicht funktioniert effizienter zu machen. Das ist schon verrückt.

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