Factory-Outlet
Schnäppchendörfer im Winterschlaf

Während fast der gesamte Einzelhandel auf den Verkaufsschub vor Weihnachten hofft – und ihn auch dringend benötigt – ist die Zeit vor den Feiertagen für die sogenannten Factory-Outlet-Center eher ruhig. Die Geschäfte der Outlets haben zu anderen Zeiten Hochsaison. Dafür müssen die Betreiber jedoch in Deutschland auch viele Widerstände überwinden.

WERTHEIM. Einen Weihnachtsmann gibt es und auch ein paar geschmückte Giebel. Im Weihnachtsstress ist John Quinn dieser Tage aber nicht – und dass, obwohl der 46-Jährige 160 Geschäfte mit insgesamt 37 000 Quadratmeter Verkaufsfläche verantwortet.

Quinns Geschäftsjahr hängt nicht wie bei Karstadt, Douglas und Toys R’ Us am Christkind. Quinn, der einen breiten amerikanischen Akzent pflegt und dem der Witz aus den blauen Augen blitzt, ist Deutschland-Chef von Value Retail. Das britische Unternehmen betreibt zwei Factory-Outlet-Center (FOC) in Deutschland: Quinns „Wertheim Village“ und das „Ingolstadt Village“.

„Outlet-Center ticken nicht wie der klassische Einzelhandel, sondern wie Freizeiteinrichtungen“, sagt John Quinn, während er durch sein „Village“ führt. Hochsaison für die künstlichen „Dörfer“, von denen es zwölf in Deutschland gibt, ist in den Schulferien und an Brückentagen.

„Vor Weihnachten bin ich immer ganz entspannt. Da ist ,low season’“, erläutert Quinn, und klaubt rasch ein Kaugummi-Papierchen vom Boden auf. Wie Nager in den Winterschlaf fallen Factory-Outlet-Center in den Weihnachtsschlaf. Der Grund: Geschenke zum Fest werden gezielt gesucht und gekauft, und sie müssen umtauschbar sein. Outlets jedoch stehen und fallen mit dem Zufalls-Schnäppchen.

Die Unabhängigkeit vom Weihnachtsgeschäft und das damit über das Jahr ausgeglichene Geschäft ist nur eine ihrer Eigenarten. Factory-Outlet-Center wie das Wertheim Village an der A3 zwischen Frankfurt und Würzburg haben es schwer in Deutschland. Die Expansion bleibt seit Jahren hinter den Erwartungen zurück, wie eine Studie des Eurohandelsinstituts dokumentiert. Mickrige Margen, ein bürokratisches Baurecht und politisches Lokalpatriotentum bremsen die Betreiber. Und auch mancher Edelhersteller gerät beim Drahtseilakt zwischen Restpostenramsch und Markenpflege aus dem Gleichgewicht.

Wertheim Village ist ein künstlich-kitschiges Ensemble auf der grünen Wiese fünf Kilometer außerhalb des historischen Wertheim, wo die Tauber in den Main mündet. Entlang der 800 Meter langen, leicht gebogenen Einkaufsstraße reihen sich schmale, zweigeschossige Häuschen, von denen jedes zweite ein Türmchen trägt. Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint: Die Häuschen sind weder aus Pappmaché noch aus Zuckerguss, aber Marke Billigbau. Das ist das, was zählt im Schnäppchenstädtchen.

Marken wie Aigner, Strenesse, Samsonite, Baldessarini liegen Tür an Tür und bieten 30, 50 oder gar 70 Prozent Rabatt. Die Regeln im Dorf sind hart, aber herzlich: keine aktuelle Ware, Preisnachlässe von mindestens 30 Prozent, Konzentration auf bestimmte Warengruppen, keine Krabbeltischkultur.

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