Fairtrade im Aufwind
Gut statt Geiz

Birkenstock-Latschen, Latzhosen und kratzige Wollpullis: Damit hat Handel mit fairen Produkten schon lange nichts mehr zu tun. Die Branche ist weiter auf dem Vormarsch – ein Milliardengeschäft.
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DüsseldorfSchokoladen-Stäbchen, Knusper-Müsli, Basilikum-Gewürz und Yoga-Shirts: Wer vor zwei Wochen die Bild-Zeitung aufgeschlagen hat, staunte vermutlich nicht schlecht über die ganzseitige Anzeige von Aldi Süd. Der Discounter – einst Inbegriff der Geiz-ist-Geil-Mentalität – bot eine Woche lang rund 30 Fairtrade-gelabelte Produkte seiner Eigenmarke „One World“ an. Bislang wurde unter dem 2009 eingeführten Label vor allem nur Kaffee verkauft. Doch der Branchenprimus will in Zukunft noch stärker von der anhaltenden Nachfrage nach fair gehandelter Ware profitieren und sein Sortiment weiter ausbauen.

Ein Trend, den sich auch der Aldi-Rivale Lidl nicht entgehen lassen will. Der Discounter hat laut Transfair inzwischen 25 Fairtrade-zertifizierte Produkte unter dem Label „Fairglobe“ im Sortiment und verkauft davon Woche für Woche 300.000-400.000 Stück.

Fair ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wer vor ein paar Jahren in Deutschland einen großen Supermarkt betrat, der musste nach fair gehandelten Produkten noch mit der Lupe suchen. Inzwischen wird das Sortiment immer größer und Fair ist nicht mehr nur im Fachhandel zu haben. Immer mehr Prominente wie die Schauspieler Daniel Brühl, Karoline Herfurth und Fussballtrainer Juergen Klopp werben als Transfair-Botschafter für fair gehandelte Waren.

Lag der Umsatz mit Fair-Trade-Produkten 2005 noch bei 72 Millionen Euro, präsentiert die 1992 gegründete Organisation Transfair sieben Jahre später sensationelle Zahlen in ihrem Jahresbericht: Für 533 Millionen Euro wanderten 2012 Transfair-zertifizierte Produkte über die Ladentheke. Insgesamt, das berichtet das Forum Fairer Handel heute auf seiner Jahrespressekonferenz, haben die Deutschen Verbraucher im vergangenen Jahr über 650 Millionen Euro für fair gehandelte Produkte ausgegeben.

Auch die Rewe Group hat früh gemerkt, dass sich mit „Fair“ Geld verdienen lässt und seit 2010 Eigenmarkenprodukte unter dem Label Pro-Planet-Label im Regal, die nachhaltigen Konsum zu „attraktiven Preisen“ fördern sollen. Ob Paprika aus Spanien, Tomaten aus Marokko oder Fußbälle aus Pakistan: Das blaue Dreieckslogo ziert inzwischen über 430 Produkte, die dem Handel schon oft Kopfschmerzen bereitet haben. „Unsere Idee ist es, nachhaltige Produkte aus dem Nischen-Dasein herauszuholen und für den Massenmarkt attraktiv zu machen“, sagte Rewe-Chef Alain Caparros zur Einführung seines Labels. Im vergangenen Jahr wurden gut 420 Millionen Pro-Planet Artikel verkauft. Für Ende 2013 peilt der Kölner Handelskonzern 600 Millionen an.

Dass diese Aktionen voll im Trend liegen, bestätigen Forscher des Zukunftsinstituts, einem Trendforschungsinstitut mit Sitz bei Frankfurt. Sie sprechen in ihrer jüngsten Studie „Fair: Von der Nische zum Mainstream“ gar vom Megatrend Neo-Ökologie, der die Weltmärkte erobert und sehen den Aufbruch einer ganzen Gesellschaftsschicht. „Ein faires, nachhaltiges Wirtschaften wird in Zukunft zur selbstverständlichen Voraussetzung für Unternehmen und zur wirkungsvollsten Antwort auf die immer kritischer werdenden und besser informierten Konsumenten und Bürger.“ Immer mehr Menschen wollen genau wissen, was sie kaufen, woher es kommt und wie es produziert wurde.

Kommentare zu " Fairtrade im Aufwind: Gut statt Geiz"

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  • stimme ich voll zu : siehe auch
    http://www.arte.tv/guide/fr/047127-000/le-business-du-commerce-equitable?autoplay=1

  • Endlich kommt Fairtrade auch im Mainstream an. Bei den vielen Siegeln kommt der Verbraucher aber leicht durcheinander. Vielleicht helfen neue Initiatien und Geschäftsmodelle wie die des Lifestyle-Startups KANCHA, welches Designprodukte von Hand in Kirgistan herstellen lässt und größtmögliche Transparenz über die Wertschöpfungskette leisten möchte, dem Kunden mehr Klarheit im Siegel-Jungle zu bieten. Aktuell läuft eine Crowdfunding-Aktion zur Finanzierung ihrer ersten Kollektion. Kann ich nur empfehlen! http://www.startnext.de/kancha

  • Fair Trade, Bio, Grüner Punkt, GS, TÜV usw. Vielleicht alles nur Blendwerk, aber auf jeden Fall ein Milliardengeschäft für Organisationen und Unternehmen, die niemand wirklich kontrolliert. Eine Lizenz zum Gelddrucken. Ob ich das unterstütze? Mit Sicherheit, weil ich nicht kontrollieren kann, wohin die Steuerabgaben fließen. Ob ich bereit bin, mehr Geld für Fair Trade Produkte zu bezahlen? Ja! Allerdings nur dann, wenn diesbezüglich zu 100% Transparenz besteht, ob das Geld dort ankommt, wo es laut den Informationsbroschüren der jeweiligen Anbieter ankommen sollte. Die Informationsunterlagen bieten jedoch keine eindeutigen und nachvollziehbaren Fakten für die Verbraucher, sondern dienen lediglich Werbezwecken.

    Solange in der Werbung viel behauptet wird, aber nichts konkret bewiesen ist, bleibe ich bei den Produkten, bei denen das Preis-Leistungsverhältnis stimmt und mein Bauchgefühl nicht Alarm schlägt, was insbesondere zum Thema „Abzocke“ laut ertönt. Ich bin Verbraucher und muss auf Nachfrage nichts erläutern oder belegen. Fair Trade Anbieter dagegen schon.

    Der ARTE-Beitrag bestätigt meine bisherigen Zweifel.

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