Fehlende Investitionen

Deutscher Nahverkehr steht vor dem Kollaps

Der deutsche Nahverkehr ist chronisch unterfinanziert. Viele Bahnen gehören auf den Schrottplatz, den Städten fehlen Milliarden für die Netzsanierung, erste Strecken werden stillgelegt. Der Leidtragende ist der Kunde.
50 Kommentare
Ein Verbotsschild vor leeren Straßenbahnschienen. Quelle: dpa

Ein Verbotsschild vor leeren Straßenbahnschienen.

(Foto: dpa)

DüsseldorfJeder Deutsche, der morgens mit dem öffentlichen Nahverkehr zur Arbeit pendelt, kennt diese Durchsage: „Wegen einer Störung im Betriebsablauf verspätet sich die Bahn heute um wenige Minuten“. Dann ist der Ärger groß - am Bahnsteig wird wütend geschnaubt, geschimpft und gemeckert.

Andere hingegen reagieren mit Gelassenheit: Warum soll man sich über den täglichen Irrsinn im deutschen Nahverkehr noch aufregen? S-Bahn, U-Bahn, Straßenbahn: überall dasselbe Bild. Doch die Lage wird Tag für Tag schlimmer. Am augenscheinlichsten ist das im Ruhrgebiet.

Die Mülheimer Verkehrsbetriebe haben zwei Kilometer der Straßenbahnlinie 104 kurzfristig stillgelegt. Die Strecke ist so marode, dass sie nicht mehr sicher befahren werden kann. Was Kommunalpolitiker und Bürger der Ruhrgebietsstadt mächtig aufregt, schlägt überregional keine Welle. Dabei ist die scheinbar unbedeutende lokale Bankrotterklärung ein Alarmsignal für den Zustand des gesamten öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) der Republik.

Die besten Bahnansagen bei Twitter

Bahnen und Busse, die längst auf den Schrott gehören, und Steuerungstechnik, die eigentlich nur noch in Museen zu finden ist, sind Normalität. Den Städten fehlen die Mittel zur Sanierung, von Neubau ganz zu schweigen. Nach einer Studie der Intraplan Consult staute sich bundesweit der Ersatzbedarf 2008 schon auf 2,5 Milliarden Euro, jährlich kommen rund 550 Millionen Euro hinzu.

Heute sind es schon mehr als 3,6 Milliarden Euro, die wegen leerer Kassen nicht investiert wurden. Der Nahverkehr, so das ernüchternde Resümee der Studie, „fährt auf Verschleiß“. Betriebsstilllegungen wie in Mülheim gehören bald zur Tagesordnung.

Pleitestädte haben kein Geld
Seite 123Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Fehlende Investitionen - Deutschlands Nahverkehr steht vor dem Kollaps

50 Kommentare zu "Fehlende Investitionen: Deutschlands Nahverkehr steht vor dem Kollaps"

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • @PeterScholz1
    Zitat:
    Hier kann man einer Streife 50-mal in Folge vor der Nase eine Oberleitung klauen, die merken nichts. Ob das an der weiblichen Beifahrerin liegt?
    --------
    Den Verantwortlichenen -vor allem den Politikern wurden doch ihre "Oberleitungen" auch schon geklaut.
    Da leitet nichts mehr weiter.
    Kann man ihnen nur wünschen, dass die restlichen "Leitungen" noch funktionieren. Der Kopf ist schon auf Null-Energie.
    Das Land der Dichter und Denker verkommt zum Land der Träumer und Schenker.

  • Minstrel

    Für Oberleitungsklau ist unser Rechtsstaat nicht zuständig, denn der Rechtsstaat wird am Hindukusch verteidigt. Darüber witzeln sogar unsere Freunde in Afghanistan.
    Hier kann man einer Streife 50-mal in Folge vor der Nase eine Oberleitung klauen, die merken nichts. Ob das an der weiblichen Beifahrerin liegt?

  • @tabu
    Zitat:zwischen Kopfschütteln und dreinschlagen wollen,baden
    die Menschen den blinden dummdreisten Aktionismus der Politik aus..Man müßte alle für befangen und nicht mehr
    handlungsfähig erklären..quasi entmündigen.
    -------
    Richtig, alle für unzurechnungsfähig erklären. Am besten in ein Zisternsienser Kloster stecken- abgeschieden von der Welt -bei Wasser und Brot-ohne Taschengeld und Luxus- ohne Handy-TV-PC und all den Schnick Schnack, dann würden sie zur Besinnung kommen.
    Tägliche gemeinsame Gebetsstunde mit der Bitte-/Lied: Komm hl.Geist auf uns herab ...
    Ich bin sicher-Gott hätte Erbarmen mit den Armen Kreaturen. Sie kämen alle geläutert zurück.
    (Satiere Ende!!)
    Wäre das ein Vergnügen sie dort schmachten zu sehen.

  • Die Kasseler Regiotram leidet auf einer bestimmten Strecke nicht an maroden Schienen - sondern daran, dass in der Zeit zwischen dem letzten Zug vor Betriebsschluß und dem ersten des darauf folgenden Tages Metalldiebe die Oberleitung stehlen ...

  • Die ach so empörten Politiker sitzen in fast allen Fällen in den Gremien der kommunalen ÖPNV-Unternehmen, haben also einen Überblick aus erster Hand.
    Wer sich Infrastruktur leistet, musss natürlich auch für die Instandhaltung und Erneuerung Vorsorge treffen.
    Und das Problem Ballungsraum vs. ländliche Region wird nahezu völig ausgeblendet. In NRW steuert die Branche auf ein Desaster zu, wohl auch deshalb, weil im Nahverkehr schon länger die ordnende Hand fehlt.

  • Ein erheblicher Teil unserer Staatsverschuldung liegt in der Tatsache, daß wir uns 3 konkurrierenden Verkehrssysteme leisten und diese noch subventionieren. Hier leben wir deutlich über unsere Verhältnisse!

    http://www.bps-niedenstein.de/content/view/180/2/

  • Gut, das das Handelsblatt mal wieder auf Defizite hinweist.
    Außer einem Lösungsvorschlag von wegen: Mehr Geld investieren kommt aber leider gar nichts...
    Jede Lösung ist wenn etwas verkommt: Mehr Geld... Aber woher? Wenn alle Kassen pleite sind? Den Deutschen, der nicht vom öffentlichen Verkehr abhängig ist juckt das doch gar nicht!
    Daher frage ich mich, warum sich hier alle aufregen! Ich gehe davon aus, das hier ein sehr großer Teil bei ist, der mit dem Auto zur Arbeit fährt, die Situation daher gar nicht kennt, diesen Artikel gerade mal liest und sich denkt: Lästern wir mal über die schlechte Politik!

    Leute hört auf mit eurem Schubladen- Denken, schaut mal über den Tellerrand und wenn ihr was ändern wollt, geht wählen! Oder engagiert euch selbst! Denn von vor dem PC sitzen, über die Politik ablästern, in Ruhe sein Kaffee noch dabei trinken, das kann ja hier nicht das Niveau sein, auf dem wir uns in einer solchen Diskussion bewegen...

  • Der Unterschied zwischen der Mafia und Politikern ist doch nur: die Einen arbeiten mit Beton, die anderen mit der Steuer!

  • Das föderale Systems Deutschlands gelangt deutlich an seine Grenzen.
    In den nächsten Jahren werden die Kommunen noch stärker unter die direkte Kontrolle der Bundesländer gestellt werden (müssen). Der Spielraum der Lokalfürsten wird viel kleiner werden, was aber den Populismus eher anheizen wird.
    Auf der nächsten Ebene wird sich der Konflikt zwischen den Bundesländern und der Bundesregierung zuspitzen. Wegen der wechselseitigen politischen Abhängigkeiten auf den Parteiebenen, wird es aber keine "finale" Lösung geben, sondern das Durchwurschteln, zum Schaden der Bürger, wird zunehmen.
    Die aktuellen Themen lauten u.a.:
    - Schulsysteme ("PISA-Reformen"),
    - Universitäten,
    - KITAS, Betreuungsgeld,
    - Sicherheit (NSU),
    - Nahverkehr, Fernverkehr,
    - Straßenbau,
    - Hartz IV,Bundesagentur für Arbeit,
    - Migranten (Sprachförderung),
    - Kulturförderung,
    - Gesundheitsreform (Krankenhäuser),
    - Energiewende,
    - ....
    Praktisch alle wichtigen Themen werden von profilierungssüchtigen Provinzfürsten (Seehofer) zerredet.
    Überall Blockaden und halbgare Lösungen.
    Ach ja eine Reform des föderalen Systems haben wir gerade hinter uns. Die Verhandlungen waren zäh und langwierig. Gebracht hat es offensichtlich gar nichts. Aber wir sind die "Reformweltmeister", die anderen Ländern zeigen, wie es geht.

  • Es ist doch klar, das Geld was im Target2 u.den Rettungsschirmen verbraten wird und worden ist dem Gemeinwesen fehlt. Dies wird sich mit dem ESM noch verstärken.

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%