Fernsehkritik
Billiger Buttertoast bei Günther Jauch

Der ARD-Talker lässt Günter Wallraff auflaufen und plaudert mit solch einer Begeisterung über Aldi, als hätte er so viel Lust auf Fernsehen wie im Moment Thomas Gottschalk und Harald Schmidt.
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BerlinZehn Minuten vor Schluss der gestrigen Günther Jauch-Talkshow kam ein flottes Einspielfilmchen mit dem „Wer ist der Billigste-Test“. Ergebnisse unter anderem: Taschentücher sind bei Aldi nur so billig wie in Drogeriemärkten, Waschmittel sei bei den Ketten Rossmann und dm sogar billiger. Lebensmittel wie Buttertoast seien bei Rewe genau so billig wie bei Aldi. Und Jauch, der Moderator der politischen Sonntagabendtalkshow der ARD, ist seinem in der knallharten Konkurrenz der zahlreichen ARD-Talkshows zum reinen Verbraucherjournalismus umgeschwenkten Senderkollegen Frank Plasberg eng auf den Fersen. 

Etwa zwei Minuten vor Schluss derselben Show, kurz nachdem Jauch mal wieder seinen prominentesten Talkgast gestern, den Reporter Günter Wallraff abgewürgt hatte, um noch nach der ebenfalls von Plasberg eingeführten Manier am Ende aus Anrufen und E-Mails von Zuschauern zu zitieren, ging es in der bis dahin unaufgeregten Sendung plötzlich heftig zur Sache. Ein Zuschauer hatte gefragt, wie glaubwürdig denn Wallraff sei, der doch kürzlich von der „Welt am Sonntag“ mal wieder in Verbindung mit der Stasi gebracht worden sei.

Wallraff sprach aufgeregt von einem „erneuten Hinrichtungsversuch der Springer-Presse“ an ihm. Talk-Kontrahent Stefan Genth vom Handelsverband Deutschland warf ihm vor, doch selbst Aldi-Methoden mit Stasi-Methoden verglichen zu haben. Fast schienen sie sich in die Haare zu kriegen. „Wenn ich das gewusst hätte“, wendete Moderator Jauch ein, „hätte ich das Thema gleich am Anfang gebracht. Aber dann hätten wir 60 Minuten lang eine völlig andere Diskussion bekommen“. 

Tatsächlich wäre so gut wie jede andere Diskussion als die, die Jauch gestern zum Thema „Das Aldi-Prinzip: Billig um jeden Preis“ geleitet hatte, interessanter gewesen. Dass er wenige Tage vor dem 100. Geburtstag des immer wieder umstrittenen Verlegers Axel Springer, der nicht nur vom gleichnamigen Verlag schon seit Wochen gefeiert werden wird, zwar den bekanntesten deutschen Springer-Kritiker Wallraff zu Gast hatte, der sich überdies gerade in einer neuen spektakulären Auseinandersetzung mit dem Verlagskonzern befindet, jedoch wegen eines zeitlosen Allerwelts-Themas, schon das allein war enttäuschend.

Wallraff hatte zwar auch mal anno 2008 eine Undercover-Reportage über einen Zulieferbetrieb des Aldi-Rivalen Lidl geschrieben, doch mehr als Gemeinplätze („Da sind wir Kunden mitgefordert“) konnte er zur Aldi-Diskussion nicht beitragen. Oder wenn er anzuheben versuchte, wurde er von Jauch unterbrochen. 

Kommentare zu " Fernsehkritik: Billiger Buttertoast bei Günther Jauch"

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  • Aldi und Co. sind nicht das einzige Problem,sondern unser Verhältnis zum Geld. Menschen mit Vermögen und Bildung, die als „Oberklasse“ bezeichnet werden und sie sich auch als solche sehen. Intellektbenutzt, um die Welt für die eigne Zwecke auszubeuten. Große anonymisierte Konzerne, deren Lenker Standardisierungen entwickelt haben, die bedient werden müssen. Kontrollen, Abmahnungen, Boni (für Manager), Hierarchien die trennen, statt zu verbinden. Mitarbeiter die „geführt“ (um nicht gegängelt zu schreiben) Das führt zu Situationen, wo eine Verkäuferin eine Abmahnung erhält, weil sie ihre Handtasche nicht im Spind eingeschlossen hat. Große Unternehmen, wo jeder nur Manager;Angestellter/ Handlanger ist, jeder Befehle ausführt, ein künstlich konstruiertes System bedient. Die Sinnesfreiheit einiger Vorgaben ausblendend. Dabei weiß jeder die Fehler der anderen aufzuzeigen, die eigenen zu vertuschen und getreten wird von „Oben nach Unten“.

    Heutige Arbeitswelt!

    „Erfolge“, die sich dadurch eingestellt haben sind:
    Krankgeschrieben, wegen psychischer Überbelastungen, Mobbing, Angst vor Arbeitslosigkeit.
    Berufe die man unter der widerwärtigsten Bedingungen ausübt für Niedriglohn der nicht zum Leben reicht.
    Zerrissene soziale Strukturen,verstörte Kinder die zu Gewalt neigen und orientierungslos sind.
    Hohe Sozialabgaben für Hartz IV- rund 1/4 von ihnen ist berufstätig und eine große Anzahl psychisch krank ausgemustert aus dem sozialen Netz gefallen (Krankengeld, Arbeitslosengeld, Erwerbslosengeld (noch nicht im Rentenalter) und daher auf Hartz IV angewiesen.

    Hier ein Video, dass sehr eindringlich zeigt, wohin die Reise geht….
    http://mediathek.viciente.at/thrive-what-on-earth-will-it%EF%BB%BF-take-deutsch/

    Wir sind dem Geld hörig geworden und müssen das schnellstens wieder ändern.

  • Was für eine langweilige Sendung.. Sorry, aber Jauch fehlt leider das notwendige Nivau für eine anspruchsvolle Talksshow bei den Öffentlich/Rechtlichen. Er wäre besser bei SternTV mit Jedermann-Journalismus geblieben. Dieser Sendung gestern Abend fehlten jegliche Fakten. Wo war hier die große Skandalenthüllung beim Discounter, was nicht längst schon seit Ewigkeiten immer wieder in den Medien aufschlägt?
    Just my 2 cents.. alles bekannte und alte Geschichten, wem's nicht gefällt, muss sich anderweitig orientieren. Willkommen in der freien Wirtschaft.

  • Was soll das jetzt auf einmal mit der Aldi-Kamelle ?
    Sowas gibt es z.B. schon lange auch im dm-Markt. Alles das selbe Programm: Testeinkäufer, Verführung zum Diebstahl, unbezahlte Mehrarbeit etc... Firmengründer Götz Werner durfte sich derweil als Liebling der Medien und sozialer Feingeist präsentieren.
    Wäre schön wenn die mittels Zwangsgebühren finanzierten Anstalten etwas mehr ihrem Bildungsauftrag nachkommen würden, anstelle von Volksverdummung.

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