Filmproduktion in Osteuropa
Für eine Hand voll Kronen

Vorbei die Zeit, in der nur Märchenfilme à la "Drei Nüsse für Aschenbrödel "gedreht wurden. Die Filmindustrie Osteuropas jagt Hollywood und den westeuropäischen Traumfabriken immer mehr Produktionen ab. Auch deutsche Studios entdecken den neuen Standort. Eine Reise an die Spielstätten.
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PRAG/SILICON VALLEY. Der Wind über den Prager Barrandov Studios weht aus dem Westen. Neben der tschechischen Flagge flattern das amerikanische Sternenbanner und der britische Union Jack über dem Eingangsportal. Auf dem Dach steht in riesigen Lettern das Unternehmenslogo - wie einst bei den großen Vorbildern in Hollywood. Vor Kurzem ging hier, auf einem Hügel nahe dem Fluss Moldau, die Produktion des neuen James-Bond-Thrillers "Casino Royale" über die Bühne. Wochenlang teilte der englische Hauptdarsteller Daniel Craig seine Hiebe anstatt im Londoner Bond-Studio Pinewood Shepperton auf den Bühnen 5, 6 und 7 der Barrandov Studios aus.

Die Produktionsverlagerung in Niedriglohnländer - im Globalisierungswelsch: Offshoring - hat die Traumfabriken erfasst. Nach Industrie und IT-Dienstleistern schiebt nun auch die westliche Filmbranche personalintensive Dreharbeiten in den billigeren Osten, wo Produzenten um bis zu 60 Prozent preiswerter wegkommen als in Westeuropa, insbesondere aber als in den USA. Vor allem in der regulierten und von Gewerkschaften mitbestimmten Filmindustrie Kaliforniens sind die Produktionskosten für Kinofilme extrem gestiegen. Das drohende Ungemach vor Augen, beschloss vor wenigen Tagen auch das deutsche Bundeskabinett, die Filmförderung von bisher jährlich 30,5 Millionen Euro vom kommenden Jahr an um 60 Millionen Euro zu erhöhen. Produzenten bekommen 15 bis 20 Prozent der in Deutschland anfallenden Produktionskosten erstattet - allerdings nur, wenn sie tatsächlich hier drehen.

Vor allem Tschechien, Ungarn, Rumänien und Bulgarien werfen ihre Lohnkostenvorteile in die Waagschale, um Anteile am 188 Milliarden Euro großen globalen Filmmarkt zu erobern. Der Anfang ist gemacht.

Schätzungsweise 247 Millionen Euro wird die Branche dieses Jahr in Mittel- und Osteuropa umsetzen. Die tschechische Filmindustrie, in der allein mehr als 12 000 Menschen arbeiten und die zu 80 Prozent von ausländischen Produktionen lebt, genießt nahezu Vollbeschäftigung. Konstant laufen in und um Prag rund 25 Kino-, Fernsehfilm-, Musikvideo- und Werbespot-Produktionen parallel, sagen Branchenkenner.

Für die US-Produzenten machen die niedrigen Löhne in tschechischen Kronen, ungarischen Forint oder rumänischen Leu die Kosten für die Reise nach Europa leicht wett: Schlägt ein Komparse in Hollywood mit 80 bis 120 Euro pro Tag zu Buche, kostet ein Hilfsmime in Tschechien weniger als 25 Euro.

Ein gewerkschaftlich organisierter Produktionsfahrer in Los Angeles verlangt ein Vielfaches der Acht-Dollar-Tagesgage, mit der sich ein rumänischer Trucker begnügt.

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