Finanzinvestoren
Wasser bringt Kohle

Mit dem Verkauf von Thames Water an die australische Bank Macquarie nimmt RWE acht Milliarden Pfund ein. Der Deal verdeutlicht eine Wende in der Branche: Nach den Versorgern wollen jetzt die Finanzinvestoren mit privatisiertem Wasserwerken verdienen.

LONDON. Als im September 2000 Spekulationen um eine Übernahme von Thames Water durch RWE die Runde machten, diskutierten Analysten vor allem zweierlei: Ist der Preis zu hoch, und wer wird als nächstes übernommen? Gut sechs Jahre später dreht sich die Debatte um die selben Fragen. Dennoch unterscheidet sich die damalige Übernahmewelle von der aktuellen: Die Käufer sind heute nicht mehr strategische Investoren vom Kontinent und aus den USA, sondern vor allem Pensions- und Infrastrukturfonds. Und ihr Interesse ist so groß, dass es die Preise für Wasserfirmen in unerwartete Höhen treibt.

Noch vor kurzem schien der erhoffte Preis von sieben Mrd. Pfund für Thames Water angesichts der wachsenden Probleme des Unternehmens mit Investitionsrückständen und Trockenheit reichlich hoch. Nun hat RWE in einer bis zuletzt hart umkämpften Auktion eine ganze Milliarde mehr bekommen. Die Preise seien nicht mehr mit den Fundamentaldaten zu begründen, resignierte jüngst ein Londoner Analyst, sie seien ausschließlich durch die hohe Nachfrage der Finanzinvestoren zu erklären.

Doch was macht die streng regulierte Wasserbranche für die Fonds so attraktiv? Letzten Endes genau die Tatsache, dass sie so streng reguliert wird. Die Wasserversorger und Abwasserentsorger in England und Wales werden seit ihrer Privatisierung 1989 von der Regulierungsbehörde Ofwat überwacht. In Schottland und Nordirland sind sie noch in öffentlicher Hand. Ofwat setzt die Wasserpreise und Investitionsziele so fest, dass den 22 Versorgern eine Kapitalverzinsung von mindestens 5,1 Prozent bleibt, die sie durch zusätzliche Effizienzsteigerungen aufbessern können. Das begrenzt die Gewinnmargen nach oben, sichert sie aber langfristig nach unten ab. Damit bieten die Versorger das Ertragsprofil, das sich Pensionsfonds wünschen, um ihre langfristigen Zahlungsverpflichtungen abzudecken.

Ein Großteil der Wasserindustrie befindet sich nun schon in den Händen von Finanzinvestoren. Im Rennen um Thames Water sind drei Bietergruppen gescheitert, die nun ein Auge auf die noch erreichbaren Versorger werfen könnten. Analysten sehen nun vor allem die wenigen noch an der Börse notierten Unternehmen im Blickpunkt. Severn Trent könnte ein Übernahmeangebot von rund fünf Mrd. Pfund bekommen, auch Kelda, die Holding über Yorkshire Water, gilt als attraktiv. Einer der unterlegenen Thames-Water-Bieter könnte auch versuchen, mit einem höheren Gebot die vereinbarte Übernahme von Anglian Water (AWG) durch ein kanadisch- australisch-britisches Konsortium für 2,3 Mrd. Pfund zu stören.

Das Monopoly-Spiel internationaler Finanzinvestoren in der Branche kann Ofwat-Chef Philipp Fletcher nicht verhindern, doch er ist entschlossen, sowohl eine Konzentration als auch eine Überschuldung der Unternehmen zu verhindern. Vor diesem Hintergrund ist zu sehen, dass die siegreiche Macquarie Bank sich vor kurzem von South West Water getrennt hat. Erstmals hat Fletcher im Fall Thames Water die „Cash lock-up“-Klausel eingesetzt. Sie verpflichtet die neuen Eigner, das Unternehmen nur so weit zu verschulden, wie es mit einem soliden Rating auf Investment-Niveau zu vereinbaren ist. Sollte es darunter sinken, darf Thames Water automatisch keine Dividenden mehr auszahlen.

Auch darüber hinaus könnte Fletcher die Zügel anziehen, warnt Merrill Lynch in einer Analyse. Die Finanzierungsbedingungen für die Wasserfirmen seien so günstig, dass Ofwat möglicherweise die garantierte Verzinsung senken werde. Der Ofwat-Chef ist verärgert darüber, dass die Wasserfirmen sich zuletzt mit Investitionen zurückgehalten haben. Bis 2009 ist der Regulierungsrahmen allerdings festgeschrieben.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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