Fluggesellschaften
Lufthansa übernimmt BMI komplett

Die Lufthansa übernimmt bei der britischen Fluggesellschaft BMI alleine das Steuer. Die größte europäische Airline, die bereits 80 Prozent an BMI besitzt, erwirbt die restlichen 20 Prozent von der skandinavischen SAS. Dabei will Lufthansa die britische Gesellschaft aber offenbar weiterreichen – British Airways und Virgin sind interessiert.

FRANKFURT/STOCKHOLM. In Branchenkreisen wird der Schritt von Lufthansa als Vorbereitung eines Weiterverkaufs von BMI interpretiert. "100 Prozent sind grundsätzlich einfacher zu verkaufen als 80 Prozent, weil Interessenten mit nur einem Gesellschafter sprechen müssen", sagte ein auf Luftfahrt spezialisierter Berater. BMI passe nicht in das Lufthansa-Netz.

Interessenten für BMI, die wichtige Lande- und Startrechte am chronisch engen Flughafen London Heathrow hat, gibt es bereits. So kündigte Willi Walsh, der Chef von British Airways, am Donnerstag an, ein erstes Angebot für BMI abgeben zu wollen. Auch Virgin Atlantic hat bereits Interesse bekundet.

Analysten prognostizieren deshalb einen baldigen Weiterverkauf. Man betrachte es als wahrscheinlich, dass sich Lufthansa damit auf einen eventuellen Verkauf von BMI vorbereite, heißt es etwa bei der Landesbank Baden-Württemberg. Lufthansa selbst verweist auf frühere Äußerungen, wonach alle Optionen geprüft würden. "Priorität hat die Sanierung von BMI, die sicher anspruchsvoll ist", sagte eine Sprecherin.

Allerdings haben Lufthansa und SAS in den Verkaufsvertrag eine Options-Klausel aufgenommen. Sollte die Kranich-Airline BMI innerhalb von zwei Jahren komplett oder in Teilen weiterverkaufen, wird SAS unter bestimmten Bedingungen an einem möglichen Gewinn beteiligt".

Aktuell zahlt Lufthansa für das restliche BMI-Paket 19 Mio. Pfund. Noch einmal die gleiche Summe wird fällig, weil SAS mit dem Verkauf auf Gesellschafterrechte, zum Beispiel Mitbestimmungrechte, verzichtet. Lufthansa bezahlt also umgerechnet 42 Mio. Euro für 20 Prozent, was für BMI einen Gesamtwert von 210 Mio. Euro ergibt. Vor wenigen Wochen hatte Lufthansa für ein 50prozentiges Paket von BMI-Gründer Michael Bishop noch 265 Mio. Euro gezahlt. Allerdings musste der Kranich hier eine vor Jahren geschlossene Vereinbarung ablösen, die eine Übernahme zu einem noch höheren Preis zur Folge gehabt hätte.

"Ich hatte mit mehr gerechnet", erklärte Jacob Pedersen von der dänischen Sydbank mit Blick auf den Verkaufserlös für SAS. "Allerdings", so der Experte, "ist das Wichtigste für SAS, dass sie BMI verkauft hat". In der Tat war der BMI-Anteil für die halbstaatliche dänisch-norwegisch-schwedische Airline seit langem eine Belastung. BMI ist schwer angeschlagen, alleine im vergangenen Jahr flog die Gesellschaft einen Verlust von 113 Mio. Euro ein.

Dabei kämpft die SAS selbst ums Überleben und benötigt dringend Kapital. So hat sich SAS bereits von ihren Beteiligungen an der Spanair, der lettischen Air Baltic und der estnischen Estonian Air getrennt. SAS-Chef Mats Jansson hat deutlich gemacht, dass sich sein Konzern in erster Linie auf den nordeuropäischen Markt konzentrieren wolle.

Mit mehreren Sparprogrammen und einer Neuemission versucht er wieder Luft unter die Flügel der Airline zu bekommen. Im Frühjahr einigten sich die SAS-Aktionäre auf eine Kapitalspritze von sechs Mrd. Kronen (589 Mio. Euro). In den kommenden zwei Jahren will der Konzern außerdem 4 500 der 18 700 Arbeitsplätze abbauen. Jansson fordert zudem Lohnkürzungen von zehn bis 20 Prozent. "Es ist eine Frage des Überlebens", appellierte er an die Mitarbeiter und hob hervor, dass die Lohnkosten bei SAS rund 40 Prozent über denen des größten Konkurrenten, der norwegischen Fluggesellschaft Norwegian, liegen.

Neben der allgemeinen Krise innerhalb der Luftfahrtbranche leidet SAS zusätzlich an ihrer Aktionärsstruktur: 21,4 Prozent gehören dem schwedischen Staat, je 14,3 Prozent dem norwegischen und dänischen Staat, der überwiegende Rest befindet sich in Streubesitz. Nationale Empfindlichkeiten haben in den vergangenen Jahren immer wieder zu Streitereien zwischen den staatlichen Hauptaktionären geführt. Ein Resultat der komplizierten Eignerstruktur: Die SAS muss stets mit 39 Gewerkschaften in drei Ländern über Tarifabkommen verhandeln.

Kranich wieder im Plan

Einen Tag nach der Computerpanne bei der Lufthansa fliegt Europas größte Fluggesellschaft wieder nach Plan. Es gebe auch keine Nachwirkungen der Verspätungen vom Vortag, teilte das Unternehmen am Donnerstag mit. In der Nacht zu Mittwoch war ein zentraler Check-in-Computer der Lufthansa ausgefallen. Dadurch mussten am Mittwochvormittag weltweit Passagiere per Hand mit Stift und Papier eingecheckt werden, was zu Verspätungen von durchschnittlich einer Stunde führte. Bis zum Nachmittag konnten die Systeme wieder in Betrieb genommen werden. Am Abend gab es noch Verspätungen von 15 bis 30 Minuten. Die Lufthansa zählt jeden Tag rund 2 000 Flüge. 28 innereuropäische Verbindungen mussten am Mittwoch gestrichen werden. Die Ursache des Computerausfalls, der bei einer routinemäßigen Aktualisierung der Software auftrat, bleibt vorerst unklar.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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