Fluggesellschaften
Tui stutzt Pläne mit Air Berlin

Der Reisekonzern Tui und die Fluggesellschaft Air Berlin geben ihren Plan einer gegenseitigen Beteiligung auf. Damit scheitert ein weiteres Projekt des glücklosen Tui-Chefs Michael Frenzel, der mit dem Milliardenabenteuer des Hapag-Lloyd-Verkaufs bereits schwer belastet ist. Die strategische Weiterentwicklung von Tui als profitabler, reiner Reisekonzern rückt in immer weitere Ferne.

FRANKFURT/DÜSSELDORF. Air Berlin und die in London börsennotierte Tui-Tochter Tui Travel wollen ihre beabsichtigte Überkreuzbeteiligung nicht umsetzen, nachdem das Bundeskartellamt Bedenken signalisiert hat. Stattdessen prüft Tui Travel nun eine einseitige Beteiligung an Air Berlin mit bis zu 9,9 Prozent oder eine Ausgleichszahlung in Höhe von 15 Mio. Euro, quasi als Mitgift für die an Air Berlin gehenden, verlustreichen Städteverbindungen der Fluggesellschaft Tuifly.

Im März hatten die Unternehmen verkündet, jeweils mit 19,9 Prozent beim Partner einsteigen zu wollen und die Tuifly-Cityflüge an Air Berlin zu übergeben. Letzteres soll auch weiterhin umgesetzt werden: Air Berlin bekommt zur Wintersaison 13 der 38 Tuifly-Maschinen samt Crews. Tuifly fliegt künftig die touristischen Ziele mit 23 Maschinen an, eine "Anpassung an die Veranstalter", wie ein Sprecher von Tuifly das nannte. Das Kartellamt habe signalisiert, dass die gegenseitige Beteiligung, gekoppelt mit einem Aufsichtsratsplatz für Tui bei Air Berlin, eine zu starke Marktmacht darstellen könne, heißt es in Branchenkreisen. Mit der nun angedachten einseitigen Beteiligung unter zehn Prozent ist der Fall nach Angaben des Kartellamts kein "Zusammenschlusstatbestand" mehr.

Damit muss die Tuifly-Mutter Tui Travel künftig nicht mehr die Belastungen von 20 bis 30 Mio. Euro aus dem Städtegeschäft tragen. Nils Machemehl, Analyst der BHF-Bank, hält das für eine positive Nachricht. Er verweist aber darauf, dass die Kernprobleme des Tui-Konzerns nicht im Ferienflugmarkt, sondern bei der Restrukturierung der Containerschiffsreederei Hapag-Lloyd liegen. Die Lösung dieser Probleme sei entscheidend für die weitere Zukunft der übergeordneten Holding Tui AG.

Auf Druck des norwegischen Großaktionärs John Fredriksen hat Frenzel vergangenes Jahr versucht, die 100-prozentige Reederei-Tochter an das Hamburger Konsortium Albert Ballin um die Stadt Hamburg, die Warburg-Bank und den Logistikunternehmer Kühne zu verkaufen. Doch als Hapag Lloyd in der Wirtschaftskrise tief in die roten Zahlen geriet, musste Tui 43 Prozent behalten.

Nachdem Tui bereits vor zwei Jahren das touristische Geschäft in die 51-Prozent-Beteiligung Tui Travel ausgelagert hatte, war sie mit dem Verkauf der Hapag-Anteile zu einer Holding geworden, die kaum noch eigenes operatives Geschäft hat. Bilanziert wird als größere Position nur noch das lukrative Geschäft von Tui Hotels & Resorts, mit dem der Konzern einer der größten Bettenanbieter der Welt ist. Das Geschäftsvolumen, so heißt es in Branchenkreisen allerdings, sei mit einem Ebita von 25 Mio. Euro im ersten Halbjahr 2009 "eher etwas für einen Mittelständler".

Die Situation verschärft sich durch die große Unterstützung, die Tui weiterhin Hapag-Lloyd gewähren muss. Unter dem Strich ist Tui bei der Reederei mit fast 2,4 Mrd. Euro im Risiko, davon sind 1,46 Mrd. Euro Kredite von Tui an Hapag Lloyd. Tui selbst muss jedoch eigene Verbindlichkeiten ablösen. Analysten wie etwa Stefan Schmitz von der Landesbank Baden-Württemberg haben bereits auf das gestiegene Insolvenzrisiko hingewiesen, sollten die Rückzahlungen von Hapag ausbleiben. Tui-Finanzchef Rainer Feuerhake sieht dagegen keine Probleme auf der Tilgungsseite.

Derzeit verbrennt Hapag Lloyd nach unbestätigten Informationen monatlich rund 100 Mio. Euro. Das Geschäft der Reederei ist enorm kapitalintensiv, das zeigt der jüngste Geschäftsbericht. Danach standen im insgesamt noch recht guten Jahr 2008 dem Umsatz von 6,19 Mrd. Euro allein Transportaufwendungen von 5,5 Mrd. Euro gegenüber.

Eigentlich wollte Frenzel mit dem Erlös aus dem Hapag-Verkauf die restlichen Anteile von Tui Travel erwerben und das Touristikgeschäft wieder in Hannover konzentrieren. Doch das könnte noch dauern. Im Auftrag von Hapag Lloyd hat die Hausbank in Berlin eine Staatsbürgschaft über 1,2 Mrd. Euro beantragt. Zuvor hatten die Reederei-Gesellschafter Tui und Albert Ballin Kapitalmaßnahmen in Höhe von 923 Mio. Euro zugesagt.

Hapag spart

Die Aktie von Tui ist am Dienstag steil in die Höhe geschossen. Das lag allerdings weniger an der nun offiziell genehmigten Zusammenarbeit mit Air Berlin. Vielmehr gab der straffe Sparplan bei der Beteiligung Hapag Lloyd den Investoren Hoffnung, dass das dortige Leiden bald ein Ende haben könnte. Die Container-Reederei will jährlich mehr als 600 Mio. Euro einsparen. So sollen 120 der 1 100 Arbeitsplätze in Deutschland wegfallen, zudem die Kurzarbeit bis April 2010 verlängert werden. Auch verzichten Beschäftigte wie Management auf Gehalt. Der Betriebsrat hat dem Paket bereits zugestimmt.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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