Flughäfen
Mehr Entspannung

Verschärfte Konkurrenz bedroht Deutschlands Flughäfen: Rivalen aus dem Ausland und schnellere Bahnverbindungen zwingen sie zu besserem Service. Eine Exklusivstudie der Unternehmensberatung A.T. Kearney belegt eine Zeitenwende für die Branche. Welche Airports darauf am besten vorbereitet sind.
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Bayrische Musikerwie die Allgäuer Blaskapelle aus Engetried lassen sich nicht unterkriegen. Bei der Eröffnungsfeier des Flughafens Memmingen am 28. Juni morgens übertönte die Boeing 737 des Billigfliegers Tuifly ihre Musik zwar immer mehr, je weiter die Maschine auf die Kapelle vor dem Terminal zurollte. Doch die Frauen und Männer in dunkler Tracht nahmen den Kampf auf und richteten ihre Instrumente unverdrossen auf ihr Publikum. Als die Maschine die Triebwerke abschaltete, freuten sich die 109 Passagiere auf den Weg zum Terminal über eine Gratisbrotzeit mit Weizenbier, Brezen und Weißwürsten gewürzt mit einem nun unüberhörbaren zackigen Marsch.

So hartnäckig will auch der Chef des Allgäu Airports, Ralf Schmid, sein. „Wir werden arbeiten bis wir zur ersten Liga deutscher Regionalflughäfen gehören“, verkündete der Manager mit den grau melierten Haaren den Ehrengästen.

Die Chancen sind freilich kaum besser als die der Kapelle gegen ein laufendes Triebwerk. Der malerisch gelegene Landeplatz im Südwesten Bayerns ist der bislang letzte Neuling unter den rund 80 deutschen Verkehrsflughäfen. Sie haben vor allem eines gemeinsam: rote Zahlen. „Heute macht bestenfalls ein Dutzend Gewinn“, sagt Ralph Beisel, Hauptgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen. „Nicht mal die Hälfte verdient wie Düsseldorf und Hamburg die Kapitalkosten auch nur annähernd.“

Und die Lage wird sich eher zuspitzen, prophezeit eine Exklusivstudie der Unternehmensberatung A.T. Kearney für die Wirtschaftswoche. Zwar wächst der Luftverkehr in Deutschland mit rund fünf Prozent im Jahr stärker als die meisten anderen Wirtschaftszweige. „Der Druck auf die Flughäfen nimmt aber trotzdem deutlich zu“, sagt Stefan Höffinger, Leiter der internationalen Studie. Die Einnahmen aus dem Stammgeschäft Abfertigung fließen schwächer und damit alternative Quellen wie Läden und Büros richtig sprudeln, brauchen alle Flughäfen andere Konzepte als bisher. „Keiner“, sagt Höffinger, „ist mehr sicher.“

Provinzpisten mit weniger als einer Million Passagieren wie Memmingen, Altenburg oder künftig Kassel geben Experten wenig Überlebenschancen ohne öffentliche Subventionen. Doch damit stoßen sie immer öfter auf den Widerstand der Wettbewerbshüter. Größere Flughäfen werden zwar nicht untergehen, besonders wenn sie in Ballungsregionen wie Stuttgart liegen. Aber auch sie und selbst Marktführerwie Frankfurt und München müssen profitabler und vor allem kundenfreundlicher werden, so die Studie. Sonst riskieren sie, dass die Kunden künftig bei der Konkurrenz starten oder ein Sparangebot des ICE buchen.

Schlecht für die Flughäfen – gut für die Passagiere: Sie können heute wählen, ob sie die großen deutschen Umsteigeflughäfen nutzen, oder aus Städten ohne Langstreckenflügen kommend lieber in Amsterdam, London, Paris oder dem in Sachen Architektur wegweisenden Terminal 4 in Madrid den Flieger wechseln. Oder sie reisen gleich über Dubai oder einen anderen der vielen arabischen Airports, die Passagieren außergewöhnliche Läden und Unterhaltungsangebote versprechen.

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