Flugsicherheitsexperte: „Ein Sekundenschlaf ist nicht ungewöhnlich“

Flugsicherheitsexperte
„Ein Sekundenschlaf ist nicht ungewöhnlich“

Die Arbeitszeiten der Piloten stammen noch aus der Zeit der Propeller-Maschinen. Wie lange sie im Cockpit sitzen müssen und wieso ein „Nickerchen“ schon mal vorkommt, erklärt Flugsicherheitsexperte Siegfried Niedek.
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Handelsblatt Online: Der Sekundenschlaf am Steuer ist im Straßenverkehr ein Grund für schlimme Unfälle. Ursache ist meistens Übermüdung. Warum schlafen Piloten im Cockpit ein?

Siegfried Niedek: Wenn ein Pilot einschläft, dann ist er nicht immer unbedingt zu müde. Oft ist der Schlaf einfach eine körperliche Reaktion auf hohe Belastung. Der Körper wehrt sich und schaltet aus. Das ist auch schon beim Landeanflug passiert. Deshalb fliegen auch immer zwei Piloten.

Beim betroffenen Transavia-Flug nach Amsterdam schlief der Co-Pilot ein und öffnete seinem Chef die Tür zum Cockpit nicht mehr.

Grundsätzlich müssen beide Piloten Zugang zum Cockpit haben. Sie müssen einen Code oder einen Schlüssel haben, mit dem sie die Tür öffnen können. Vielleicht hatte der Kapitän den Code vergessen. Aus dem Fall jedoch zu folgern, die Sicherheit während eines Fluges sei nicht so hoch, ist falsch.

Dennoch macht man sich als Passagier so seine Gedanken, wenn ein Pilot ein „Nickerchen“ macht. Wie oft kommt ein Schlaf im Cockpit vor?

Das wird nirgendwo festgehalten und wenn, dann nur bei internen Umfragen zugegeben. Doch so ein Sekundenschlaf ist überhaupt nicht ungewöhnlich. Es gab in den 1980er Jahren eine Studie der British Airways, in der haben Piloten relativ offen gesagt: „Jawohl, ich bin im Flugzeug eingeschlafen!“ Es gab dort auch Fälle, in denen beide Piloten eingeschlafen sind. Sie wurden erst wach, als ein Warnsignal ertönte, weil sie zu schnell flogen. Doch keine Fluggesellschaft wird je Zahlen bekanntgeben.

Braucht es auch deshalb eine Neuregelung der Arbeitszeiten der Piloten, wie sie die Europäische Flugsicherheitsbehörde EASA vorgeschlagen hat?

Die Flugdienstzeiten der Piloten stammen ursprünglich aus der Zeit, als noch mit Propeller-Maschinen geflogen wurde. Die Internationale Zivilluftfahrt-Organisation (Anm. d. Red.: ICAO, mit Sitz in Montreal) hat in den 1960er oder 1970er Jahren versäumt, Empfehlungen herauszugeben. Der Gesetzgeber hat sich dadurch nicht auf die technische Umstellung vorbereitet. Die heutige gesetzliche Regelung in Deutschland geht noch auf die Zeit der Propeller-Fliegerei nach dem 2. Weltkrieg zurück. Bei Langstreckenflügen wurden damals Zwischenstopps gemacht, die Besatzung ist ausgestiegen, es wurde nachgetankt.

Heute ist die Belastung für die Piloten sicherlich eine ganz andere.

Wenn sie heute von Frankfurt nach Washington fliegen, dann beträgt die Flugzeit achteinhalb Stunden. Meistens geht es für die Piloten am nächsten Tag nach rund 24 Stunden bereits wieder zurück. Der Körper kann sich aber darauf nicht einstellen.

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