Flugzeuge, Mitarbeiter, Slots

Die Konkurrenz stürzt sich auf Air Berlin

Ob Flugzeuge oder Startplätze: Das Poker um die Überbleibsel der Pleite-Airline Air Berlin ist eröffnet. Während Ryanair gegen Staatshilfen keilt, bringen sich andere Konkurrenten bereits in Stellung. Wer will was?
Update: 16.08.2017 - 13:31 Uhr 1 Kommentar

„Wir haben genügend Arbeitsplätze für Air Berlin-Mitarbeiter" – So geht es weiter

„Wir haben genügend Arbeitsplätze für Air Berlin-Mitarbeiter" – So geht es weiter

Berlin/FrankfurtAm Tag eins nach der Pleite von Air Berlin beginnt das Geschacher um die Juwelen aus der Insolvenzmasse. Die Konkurrenz hat ein Auge auf Maschinen zum Schnäppchen-Preis und lukrative Startrechte geworfen. Der irische Billigflieger Ryanair wähnt sich dabei jedoch bereits im Nachteil: Ryanair hat beim Bundeskartellamt und bei der EU-Wettbewerbskommission Beschwerde eingelegt – wegen des „offensichtlichen Komplotts“ zwischen der deutschen Regierung, Lufthansa und Air Berlin, teilte das Unternehmen mit.

„Diese künstlich erzeugte Insolvenz ist offensichtlich aufgesetzt worden, damit Lufthansa eine schuldenfreie Air Berlin übernehmen kann und dies widerspricht sämtlichen Wettbewerbsregeln von Deutschland und der EU“, schimpft der Billigflieger in einer Mitteilung auf seiner Homepage. Auch die Bestimmungen zu staatlichen Beihilfen würden ignoriert.

Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Machnig (SPD) verteidigte das Vorgehen der Bundesregierung: „Das ist eine abwegige These“, sagte Machnig zu den Vorwürfen von Ryanair. Es werde am Ende nicht eine Airline Air Berlin komplett übernehmen. Damit würde der Wettbewerb gesichert. Machnig sagte außerdem, er halte den Überbrückungskredit der Bundesregierung in Höhe von 150 Millionen Euro für die insolvente Airline für zulässig. Zehntausende Air-Berlin-Kunden seien in der Hauptreisezeit unterwegs. Es habe keine Kapazitäten gegeben, diese kurzfristig nach Hause zu bringen. Die Bundesregierung stehe in Kontakt zur EU.

Die spektakulärsten Airline-Pleiten
2017: Air Berlin
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Mit Air Berlin hat die zweitgrößte Airline Deutschlands Insolvenz angemeldet. Die Pleite bahnte sich seit längerem an: Das Unternehmen mit rund 8.600 Beschäftigten schrieb seit Jahren Verluste und hielt sich hauptsächlich durch Finanzspritzen ihres Großaktionärs Etihad noch in der Luft. Am Freitag drehte die nationale Airline der Vereinigten Arabischen Emirate den Berlinern aber den Geldhahn zu. Mit dem Kredit von 150 Millionen Euro stellt nun der Bund den Flugbetrieb vorerst sicher.

Harter Wettbewerb
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Air Berlin ist kein Einzelfall. Die goldenen Zeiten der Luftfahrt sind seit der Liberalisierung des Marktes, die in den 1980er-Jahren einsetzte, vorbei. Seitdem regiert ein knallharter Wettbewerb die Lüfte. Auch die Branchenkrise nach den Anschlägen des 11. September 2001 und das Aufkommen der Billigflieger sorgen dafür, dass viele bekannte Airlines in die Pleite gerutscht sind.

1991: Pan American Airways
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Wie kein zweites Unternehmen stand „Pan Am“ für das glamouröse Jet-Zeitalter. 1927 flogen die ersten Postflugzeuge unter dem Namen zwischen Florida und Havanna. Schnell wurde das Unternehmen zu einer der größten US-Fluggesellschaften. Die Airline war eine der ersten, die Interkontinentalflüge anbot, und setzte zahlreiche Standards in der zivilen Luftfahrt. Das blau-weiße „meatball“-Logo von Pan American genießt bis heute Kultstatus.

1991: Pan American Airways
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In den 1980er-Jahren begann der Stern von Pan Am zu sinken. Durch die Deregulierung des US-Marktes kamen zahlreiche Konkurrenten auf. 1988 wurde über dem schottischen Lockerbie eine Maschine durch einen Terroranschlag zum Absturz gebracht, was das Vertrauen der Öffentlichkeit erschütterte. 1991 folgte die Übernahme durch Delta Air Lines.

1992, 1995 und 2001: Trans World Airlines
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Auch TWA gehörte zu den Pionieren der Luftfahrt. Gegründet 1930 als „Transcontinental and Western Air“, machte der exzentrische Milliardär Howard Hughes („The Aviator“) das Unternehmen zur zeitweise größten Airline der Welt. Hinter Pan Am war TWA die inoffiziell zweite Flaggschiff-Gesellschaft der USA. 1985 kaufte der Investor Carl Icahn TWA.

1992, 1995 und 2001: Trans World Airlines
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In den 1990er-Jahren musste TWA zwei Mal in kurzer Folge Gläubigerschutz beantragen. 1996 starben beim Absturz einer Boeing 747 über dem Atlantik 230 Menschen. Die stark geschrumpfte Airline kam 2001 wieder in finanzielle Schwierigkeiten und wurde von Konkurrent American Airlines übernommen.

2001: SwissAir
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1931 gegründet galt die Airline wegen ihrer finanziellen Stabilität lange als „fliegende Bank“. Aufgrund der politischen Neutralität der Schweiz konnte SwissAir zahlreiche lukrative Ziele in Afrika und im Nahen Osten anfliegen.

Der Kredit soll Air Berlin etwa drei Monate Zeit verschaffen. Vorstandschef Thomas Winkelmann kann damit während des laufenden Flugbetriebs mit der Lufthansa und weiteren Interessenten über einen Verkauf von Teilen der Airline verhandeln.

Verbürgt ist das Interesse der Lufthansa: Deutschlands Nummer eins möchte beispielsweise die Langstreckenflotte von Air Berlin übernehmen – samt Personal. „Wir wissen, dass es positive Verhandlungen gibt zwischen Air Berlin und Lufthansa über den Erwerb von Teilen von Air Berlin“, sagte Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD). „Diese Verhandlungen verlaufen erfolgversprechend und können in den nächsten Monaten finalisiert werden.“

Lufthansa hatte stets die große Schuldenlast von Air Berlin als ein Hindernis für eine Komplettübernahme der Airline genannt. Mit der Insolvenz könnte die Schuldenlast wegfallen – was den Konkurrenten Ryanair rasend macht. „Es geht jetzt darum, den Standort zu stärken durch Vergabe der Slots an Lufthansa und mindestens zwei weitere Gesellschaften“, sagte Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) dem Handelsblatt.

Eine davon könnte Tui sein: Bereits im vergangenen Herbst hatte der Reisekonzern versucht, Tuifly und die Air-Berlin-Tochter Niki in ein Gemeinschaftsunternehmen einzubringen, das mehrheitlich einer Stiftung in Österreich unterstehen sollte.

Doch die Verhandlungen mit Air-Berlin-Großaktionär Etihad platzten vor wenigen Wochen, nachdem Etihad die Gespräche ins Leere laufen ließ. Nun aber scheint es, wie man bei Tui durchblicken lässt, dass die Verhandlungen dazu wieder aufgenommen wurden. „Wir sind involviert in die aktuellen Planungen und begleiten sie konstruktiv – im Sinne der Kunden bei Air Berlin“, erklärte ein Sprecher. Details nannte nicht und verwies auf „laufende Gespräche“.

Branchengerüchten zufolge soll sich auch Easyjet um einen Teil des Air-Berlin-Erbes bemühen: Bereits im vergangenen Monat hatten Analysten der Großbank HSBC prognostiziert, dass der britische Billigflieger im Fall eines Kollapses von Air Berlin an jenen Teilen der Airline Interesse haben könnte, die Lufthansa aus wettbewerbsrechtlichen Gründen nicht übernehmen kann. Explizit nennen die Branchenexperten den Billigableger Niki sowie Slots in Berlin und Düsseldorf.

Ein Insider bestätigte der Nachrichtenagentur Reuters Gespräche mit Easyjet. Damit sollten vor allem die Start- und Landerechte von Air Berlin auf dem Heimatflughafen in Berlin sowie in Düsseldorf gesichert werden. „Ziel war es, Ryanair draußen zu halten“, sagte der Insider.

Mit der Thomas-Cook-Tochter Condor ist zudem ein weiterer Spieler auf den Plan getreten: Der Reiseveranstalter bekundete für seine Ferienflugtochter Interesse an einer „aktiven Beteiligung an der Zukunft von Air Berlin“. Air Berlin und die Tochter Niki befördern bereits einen Teil der Gäste von Thomas Cook in den Urlaub. „Thomas Cook und Condor sind bereit, eine aktive Rolle bei möglichen Auffanglösungen zu spielen“, sagte ein Sprecher. Diese müssten aber nachhaltig und kartellrechtlich zulässig sein.

Die Piloten und Crews von Air Berlin könnten zu den Gewinnern des Pokers gehören: Nach Einschätzung der Gewerkschaft Verdi haben sie gute Aussichten auf neue Arbeitsplätze. „Für die Kollegen in Kabine und Cockpit sind die Chancen sehr hoch“, sagte Bundesvorstandsmitglied Christine Behle am Mittwoch. „Auf dem Markt wird viel Personal gesucht.“ Schwierig haben es die Mitarbeiter in der Verwaltung. Gewerkschafter Behle sagt: „Da machen wir uns große Sorgen, denn jeder mögliche Übernehmer hat ja schon eine Verwaltung.“

  • jbl
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1 Kommentare zu "Flugzeuge, Mitarbeiter, Slots: Die Konkurrenz stürzt sich auf Air Berlin"

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  • Wo war der Staat als Schlecker pleite ging!!!!!! Da hat der Staat nicht geholfen. Hier waren ja nur prekäre Arbeitsverhältnisse betroffen. Aber bei Air Berlin geht es 1. um hochbezahlte Mitarbeiter. 2. Um Politiker und Beamte die regelmäßig mit dieser Airline fliegen müssen und 3. wir haben Wahlkampf. Das ist die Sauerei mit unseren Politikern und daher dürfen sie sich nicht wundern wenn sich immer mehr Menschen von der Politik abwenden und nicht wählen gehen.

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