Flugzeughersteller erhöhen Prognosen für den Markt deutlich
Boeing und Airbus umwerben Indien

Nach langer Stagnation spürt Indiens Luftfahrtmarkt Aufwind. Die Liberalisierung lockt neue Anbieter auf den Markt; die Preise purzeln, die Zahl der Passagiere steigt. Das lockt auch ausländische Firmen an. Die Airlines bestellen Maschinen bei Boeing und Airbus für mehrere Milliarden Dollar.

NEU DELHI. „Nach Jahren leerer Versprechen dürfte Indiens Luftverkehrsindustrie im Jahr 2005 abheben“, sagt Peter Harbinson, Leiter des Center for Asia Pacific Aviation (CAPA). 2004 wuchs das Passagieraufkommen auf Binnenstrecken um 27 Prozent. Harbinson erwartet, dass dieses Expansionstempo anhält. Auch auf den internationalen Routen rechnen Analysten weiter mit zweistelligem Wachstum.

Um die höhere Nachfrage bedienen zu können, brauchen vor allem die indischen Fluggesellschaften neue Maschinen. Die Flugzeughersteller Boeing und Airbus umwerben denn auch eifrig die Airlines: vor allem die Staatsgesellschaften Air India und Indian Airlines, die ihre Flotten erneuern müssen, aber auch die noch jungen Konkurrenten, die ihre erst aufbauen. Der US-Hersteller Boeing hat seine Prognose für Indiens Marktpotenzial gerade von 25 auf 35 Mrd. Dollar in den kommenden 20 Jahren erhöht. „Kein anderer Markt wird so starkes Wachstum sehen“, prophezeite Boeing-Manager Dinesh Keskar vergangene Woche bei einer Luftfahrt-Show in Bangalore. Dort verkündete sein Konzern den neuesten Auftrag aus Indien: Spice Jet, eine von einem halben Dutzend neuer Billig-Airlines, hat 20 Maschinen der 737-Familie bestellt, Listenpreis über 1,2 Mrd. Dollar.

Kurz zuvor hatte Air Indias neue Budget-Tochter 18 Maschinen desselben Typs bestellt. Das Staatsunternehmen will in diesem Monat auch jahrelang verschleppte Verhandlungen mit Airbus und Boeing über die Lieferung von 50 Langstreckenflugzeugen abschließen. Die Inlands-Schwester Indian Airlines soll 43 Airbus A320 erwerben. Indiens Luftfahrtminister Praful Patel beziffert den Wert beider Aufträge auf sechs Mrd. Dollar und verspricht, sie würden bald vom Kabinett genehmigt.

Auch im militärischen Bereich ist Indien wichtiger Kunde: Für einen Großauftrag über 126 neue Kampfjets sind neben den F16 des US-Marktführers Lockheed Martin auch Mirage des französischen Konzerns Dassault sowie russische MiGs im Gespräch.

Im Zivilbereich hat Weltmarktführer Airbus Boeing inzwischen auch Indien ausmanövriert. Die Billigfluglinien Kingfisher und Air Deccan haben zum Listenpreis von 1,8 Mrd. Dollar jeweils 30 A320-Jets geordert. Air Deccan unterzeichnet zudem kürzlich einen Vertrag zum Kauf von 30 Propellerflugzeugen der EADS-Tochter ATR für rund 528 Mill. Dollar.

„Wir haben die Größe des Marktes unterschätzt“, sagte ein Airbus-Sprecher in Indien. Der Konzern war lange davon ausgegangen, das Land benötige 220 Flugzeuge bis 2019. Nun sollen es 400 Maschinen werde.

Die Europäer umwerben derzeit vor allem Jet Airways, den Marktführer bei Inlandsflügen, sowie dessen Konkurrenten Sahara. Beide Gesellschaften haben reine Boeing-Flotten, brauchen nun aber Langstreckenflugzeuge, denn sie dürfen jetzt auch auf internationalen Routen fliegen. Zunächst wollen beide ab April Singapur, Kuala Lumpur und London anfliegen. Jet will auch die äußerst lukrative Amerikaroute direkt bedienen. Das Unternehmen nutzt den derzeit boomenden Markt zu einem Börsengang, der 445 Mill. Dollar einbringen soll. Konsortialführer ist die Deutsche Bank – ihr erstes großes IPO-Mandat in Indien.

Die stark steigende Zahl der Flüge bringt jedoch die schon jetzt hoffnungslos überlasteten Flughäfen in Indien noch mehr unter Druck. Das zwingt die Regierung, mit deren lange verzögerter Privatisierung Ernst zu machen. Neun Konsortien sollen bis Ende Februar Kaufgebote für die beiden größten Airports abgeben, Delhi und Bombay. Um die Milliardenprojekte bewerben sich unter anderem Fraport AG, Singapurs Changi Airport und Aeroports de Paris. In Hyderabad und in Bangalore, wo Siemens Konsortialführer ist, wurde im Januar mit dem Neubau von Flughäfen begonnen. Insgesamt veranschlagt Indien den Investitionsbedarf für den Ausbau von 25 Flughäfen in den kommenden fünf Jahren auf sieben Mrd. Dollar.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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