Frankreichs Kleider-Aldi „Tati“ meldet Konkurs an
Eine Legende macht Pleite

Wer der Station Barbès-Rochechouart der Pariser Metro entsteigt, dem leuchtet es entlang des Boulevards blau-weiß-rosa entgegen – und das gleich auf mehreren hundert Metern. Hier, zu Füßen von Montmartre und Sacre Cœur, steht es auf (fast) jedem Schaufenster neben dem in Babyfarben gehaltenen Logo von Frankreichs Kleider-Aldi: „Tati est à vous“ – „Tati gehört Ihnen“.

PARIS. Tatsächlich gehörte Tati stets der Familie Ouaki – bis vergangene Woche: Da musste Geschäftsführer Fabien Ouaki, der jüngste Sohn von Gründervater Jules, Konkurs anmelden. Nun gehört Tati den Banken. Und Frankreich trauert um einen der Pioniere des Ramschgeschäfts.

Am Boulevard Rochechouart beginnt 1948 die Geschichte von Tati. Kriegsveteran Jules Ouaki kauft Fabrikanten Restposten Damenwäsche ab und vertickt sie zu Minipreisen in einem 20-Quadratmeter-Laden. Der in Tunesien geborene Ouaki will „alles verkaufen wie Kartoffeln auf einem Markt“. Er ist der erste, der die Theken abschafft: die Kunden können die Ware befühlen, betasten, testen.

Rasch brummt das Geschäft – erst kaufen weniger betuchte Franzosen bei Tati, später zunehmend Einwanderer aus Afrika. Heute gilt Tati als Startpunkt für jede Schnäppchenjäger-Pirsch. Ouaki nimmt den Vornamen seiner Mutter, Tita, zur Vorlage für den Firmennamen und expandiert nicht nur am Boulevard Roucheouart. Hier kauft er nach und nach auf 400 Metern alle Ladenlokale schließt sie zu einem riesigen Kaufhaus zusammen. Aber auch im Libanon, in Kamerun und 15 anderen Ländern steht Tati für Niedrigpreise. Als Anfang der achtziger Jahre in Paris das Foto eines Sherpas mit einer Tati-Plastiktüte vor Himalaya-Panorama auftaucht, glaubt sich Gründer Ouaki am Ziel. 1982 stirbt er.

Doch seinem jüngsten Sohn Fabien, der die Geschäfte seit 1991 führt, fehlt das Geschick des Vaters. Er versucht zu diversifizieren, gründet Ableger für Schmuck (Tati Or), Brillen (Tati Optic) und Telefonie (Tati Phone). Die Umsätze brechen trotzdem ein, weil Tati in den neuen Geschäftszweigen das Know-how fehlt und die Margen zu klein sind. Das Kerngeschäft mit Kleidung gerät durch Konkurrenten wir H&M oder Zara zunehmend unter Druck. Sie kopieren Tatis Preise, wirken aber trendiger als das oft altbacken- proletarisch wirkende Tati.

1999 beauftragt Ouaki das Bankhaus Lazard mit der Suche nach einem finanzkräftigen Partner. Einen Monat später zieht er das Mandat zurück und verkauft zwei der umsatzstärksten Filialen in Paris. Die 25 Millionen Euro Einnahmen sind schnell verbrannt, die Umsätze sinken von 166 Mill. Euro im Jahr 2000 auf 149 Mill. 2002. Die Verluste steigen auf 19 Mill. Euro.

Noch 2001 brüstet sich der Buddhist und Rockfan Ouaki, eine Verkaufsofferte über 100 Millionen Euro abgelehnt zu haben, „denn in vier Jahren wird Tati drei oder viermal so viel wert sein“. Doch nun dürfte das einstige Ramsch-Imperium selbst zum Schnäppchenpreis zu haben sein.

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