Freigabe des deutschen Marktes
Große Spediteure begrüßen die Liberalisierung

Osteuropäische Spediteure können jetzt in Deutschland ihre Dienstleistungen anbieten. Das verschärft den Wettbewerb und erhöht den Preisdruck. Wie die deutschen Unternehmen auf die neue Situation reagieren.

DÜSSELDORF. Die Freigabe des deutschen Markts für osteuropäische Brummi-Unternehmen stößt in der Speditionsbranche auf gemischte Gefühle. Krise, Mauterhöhung und jetzt auch noch zusätzlicher Preisdruck durch die "Billigfahrer aus dem Osten" verschärfen den Wettbewerb und drücken auf die ohnehin dünnen Margen. Die Folge: ruinöse Preiskämpfe, die eine Verschiebung der Marktanteile zu Lasten des deutschen Transportgewerbes befürchten lassen. Deutschen Unternehmen bleibe in dieser Situation, so Heiner Rogge vom Spediteurverband DSLV, nur die Möglichkeit, verlustbringende Verkehre aufzugeben oder aber - falls finanziell und größenmäßig dazu in der Lage - ins kostengünstigere Ausland abzuwandern. Reine Schwarzmalerei?

Transportunternehmer selbst zeigen sich eher gelassen. "Viele osteuropäische Spediteure fahren schon heute innerdeutsch, auch wenn das verboten ist", sagt Timo Conrad, geschäftsführender Gesellschafter der ERA Internationale Spedition in Kornwestheim mit 100 Mitarbeitern. Nun könnten sie sich auch offiziell an Ausschreibungen beteiligen. Dadurch würden die Preise weiter gedrückt. Betroffen seien aber vor allem die vielen kleinen Unternehmer mit eigener Flotte, die ausschließlich transportierten. ERA sieht sich mit Kunden aus verschiedenen Branchen auf der sicheren Seite, hat aber bereits Verträge mit Subunternehmern reduziert.

Hans-Georg und Wolfgang Geis, geschäftsführende Gesellschafter der Geis-Gruppe aus Bad Neustadt, rechnen nicht damit, 2009 den hohen Vorjahresumsatz von 610 Mio. Euro wiederholen zu können. Der krisenbedingte Rückgang der Sendungsmengen habe bereits Ende 2008 eingesetzt und sich im ersten Quartal dieses Jahres noch verstärkt. Doch zahle sich jetzt die breite Aufstellung als Spediteur und Logistikdienstleister aus. Geis beschäftigt europaweit an 84 Standorten 3 700 Mitarbeiter.

Auch die Großen geben sich gelassen. "Wir gehen davon aus, dass der Straßengüterverkehr weiterhin der bedeutendste Verkehrsträger sein wird, selbst wenn insgesamt ein deutlicher Rückgang im Markt zu verzeichnen ist", sagt Karl Nutzinger, Vorstand für Landtransport bei der Bahn-Tochter Schenker. Von der Freigabe der Kabotage erwartet er zwar einen erhöhten Wettbewerbsdruck, doch sei dies nicht mit der Liberalisierung des grenzüberschreitenden Straßengüterverkehr im Jahr 2004 zu vergleichen. Die Unternehmen aus den Beitrittstaaten seien heute daher längst führend im Straßengüterverkehr zwischen ihren Ländern und den alten Mitgliedstaaten. Im übrigen gehörten deutsche Transportunternehmen zu den erfolgreichsten Kaboteuren in Europa. Auch Schenker habe im europäischen Landtransport personelle Anpassungen durchgeführt, räumt Nutzinger ein, nennt aber keine Zahlen. Schenker konnte im vergangenen Jahr das Sendungsvolumen bereinigt um Übernahmen nur stabil halten. Die Ergebnisentwicklung im europäischen Landverkehr ist rückläufig gewesen.

"Die Erweiterung der Kabotage hat für uns den Vorteil, dass Subunternehmen, die in den osteuropäischen Ländern den Straßentransport in unserem Auftrag abwickeln, nun auch Transporte innerhalb anderer EU-Länder tätigen können, was deren Kapazitätsauslastung verbessert", sagt Reinhard Lange, Chef von Kühne + Nagel International. Das Ende der Krise sei noch nicht in Sicht. Die innereuropäischen Verkehre stabilisierten sich zwar langsam, aber im Import und Export seien die Frachtaufkommen noch immer deutlich rückläufig. Kühne + Nagel hat mit einem Sparprogramm reagiert. Weltweit wurden seit Oktober bis Ende März rund 4 000 Stellen abgebaut.

"Als europäischer Logistikdienstleister brauchen wir die Möglichkeit, mit nicht-deutschen Fuhrunternehmern zu kooperieren", sagt auch Stefan Paul, Vertriebschef bei der Posttochter DHL Freight. Daher unterstütze Deutsche Post DHL die zügige und vollständige Öffnung des Kabotagemarktes.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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