Fünf Fragen an: Johannes Ludewig
„Trennung heißt nicht mehr Wettbewerb“

Johannes Ludewig ist Generaldirektor der Gemeinschaft der Europäischen Bahnen. Mit dem Handelsblatt spricht er über die Perspektiven der Deutschen Bahn, die geplante Privatisierung und die Folgen für Deutschland.

Wie sehen Sie als Ex-Bahnchef und jetziger Präsident der CER die Perspektiven der Deutschen Bahn?

Aus Brüsseler Sicht ist das deutsche Modell ein sehr erfolgreiches – nicht zuletzt, weil es sich als wettbewerbsintensives Modell entwickelt hat. Es zeigt sich, dass die deutsche Politik 1993 mit der Bahnreform die richtigen Entscheidungen getroffen hat.

Viele Politiker und auch die Wirtschaft fordern die Trennung von Netz und Betrieb, um den Wettbewerb auf der Schiene voranzubringen. Stimmen Sie dem zu?

Trennung bedeutet ja keineswegs automatisch mehr Wettbewerb. Das zeigt sich zum Beispiel in Frankreich, wo das Netz schon länger aus der Staatsbahn SNCF herausgelöst ist, aber die Marktöffnung ganz am Anfang steht. Oder etwa in Schweden, wo – trotz Trennung von Netz und Betrieb – im Personenfernverkehr noch ein Staatsmonopol besteht. Anders ist es in der Schweiz, wo in einem stark integrierten Modell mit intensivem Wettbewerb im Güterverkehr eine erfolgreiche Eisenbahn nicht daran denkt, ihre Integration von Netz und Betrieb in Frage zu stellen.

Was bedeutet das für Deutschland?

Dass es nicht in erster Linie auf die rechtliche Form der Unternehmensorganisation ankommt – also integrierte Bahn oder Trennung von Netz und Betrieb – sondern darauf, wie effizient die Schnittstellen zwischen Netz und Betrieb im jeweiligen Land in der Praxis funktionieren. Und in diesem für die Leistungsfähigkeit des Eisenbahnsystems entscheidenden Punkt schneidet das deutsche Modell ziemlich gut ab.

Also alles so lassen, wie es ist?

Warum soll man ein gut funktionierendes Modell ohne Not in Frage stellen? In der deutschen Diskussion wird zudem völlig übersehen, dass der Schienenverkehr in Europa am 1. Januar 2007 den freien Zugang zu allen nationalen Netzen bekommt. Dann geht es für alle Bahnen um internationale Märkte und Kunden, um wettbewerbsfähige Leistungen.

Was hat das mit der Trennungsdiskussion zu tun?

Eine Abspaltung des Netzes würde dazu führen, dass die Deutsche Bahn mindestens zwei Jahre mit der Neuorganisation beschäftigt wäre, statt sich den Märkten und Kunden zu widmen. Die Wettbewerber in Europa warten nur darauf. Der freie Zugang am 1. Januar 2007 ist für den Unternehmenserfolg weitaus wichtiger als die Frage, nach welchem Modell eine Bahn strukturiert wird.

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