Fusion mit NYSE
Deutsche Börse attackiert EU-Kommission

Die Deutsche Börse will das Urteil der EU-Kartellwächter, die ihr die Fusion mit der New Yorker Börse untersagten, nicht hinnehmen. Sie klagt nun. In New York hält man sich derweil alle Optionen offen.
  • 2

New YorkDie Deutsche Börse klagt beim Europäischen Gerichtshof gegen das Brüsseler Nein zur Fusion mit der New Yorker NYSE Euronext. Knapp sieben Wochen nach dem Veto der EU-Kommission und der Prüfung des 440 Seiten starken EU-Beschlusses beschloss der Aufsichtsrat des Frankfurter Dax-Konzerns, am Montagabend juristische Schritte einzuleiten. „Die Deutsche Börse AG ist der Ansicht, dass mehrere Aspekte der Entscheidung fehlerhaft sind“, hieß es am Montagabend in einer knappen Mitteilung.

Die Wettbewerbshüter hatten die Megafusion aus Sorge vor einem Quasi-Monopolisten im besonders lukrativen Handel mit Derivaten - vereinfacht gesagt Finanzwetten - in Europa verboten. Der Deutschen Börse geht es nun nicht darum, den Zusammenschluss mit der NYSE mit Hilfe eines günstigen Urteils des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zu retten. Vielmehr sollen die Richter die aus Sicht der Börse falsche Marktdefinition prüfen. Auch Schadenersatzforderungen stehen im Raum. Die Vorbereitungen der Fusion hatten die Börse über 80 Millionen Euro gekostet.

In New York beim ehemaligen Fusionspartner gab man sich zurückhaltend. Es sei noch keine formale Entscheidung getroffen, ob man sich dem Schritt der Frankfurter anschließen werde, hieß es im Umfeld der NYSE. Auf Nachfrage wollte sich ein Sprecher nicht äußern.

Europas oberster Wettbewerbshüter, Joaquín Almunia, hatte das Veto am 1. Februar damit begründet, der geplante Zusammenschluss hätte „auf dem Markt für europäische Finanzderivate weltweit zu einer monopolartigen Stellung geführt“. Auf diesem Feld kommen die beiden Unternehmen mit ihren Töchtern Eurex (Deutsche Börse) und Liffe (NYSE Euronext) auf mehr als 90 Prozent Marktanteil. „Wenn man ein solches Monopol zulässt, das zu höheren Preisen und weniger Innovation führt, dann ist das nicht im europäischen Interesse“, hatte der EU-Wettbewerbskommissar erklärt. „Am Ende hatten wir keine andere Alternative, als die Fusion zu verbieten.“ Allerdings war die Entscheidung in der EU-Kommission umstritten.

Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni hatte der EU-Kommission eine „realitätsfremd verengte Marktdefinition“ vorgeworfen. Die ehemaligen Fusionspartner hatten argumentiert, es sei ein Fehler der EU, nur den Markt der börsengehandelten Derivate zu betrachten. Der Markt der nicht an Börsen, sondern direkt zwischen Banken gehandelten Derivate sei um ein Vielfaches größer. Beziehe man diese ein, könne nicht von einer Beherrschenden Stellung des fusionierten Finanzkonzerns die Rede sein. Die Prüfung einer Klage begründete der Francioni zuletzt auch mit möglichen Schadenersatzforderungen. Etwa 80 Millionen Euro investierte der Frankfurter Marktbetreiber nach Francionis Angaben 2011 in das Fusionsprojekt.

Analysten erwarten für das erste Quartal 2012 nochmals Kosten in zweistelliger Millionenhöhe. Rechtsanwälte äußerten sich skeptisch, was den Erfolg einer Klage angeht. “Die Wahrscheinlichkeit eines Erfolges ist nahe Null”, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters Evan Stewart, Wettbewerbsrechtler bei Zuckerman Spaeder LLP in New York. Auch sei es unwahrscheinlich, dass die Börse von der Kommission Schadenersatz erhalten könne.

Möglicherweise beschreitet Frankfurt auch nur den Klageweg, um die eigenen Aktionäre zu besänftigen. Nach dem Aktienrecht muss jeder Vorstand alles daran setzen, Schaden von den Aktionären abzuhalten oder Kompensation für erlittenen Schaden zu erlangen. Anderenfalls macht er sich rechtlich angreifbar. In der Vergangenheit haben die Fonds, die das Gros der Aktien der Deutschen Börse halten, bewiesen, dass sie durchaus gewillt sind, dem Vorstand Druck zu machen, wenn er ihre Interessen nicht vertritt.

Verfahren vor dem EuGH dauern in der Regel rund zwei Jahre. Somit dürfte das Thema auch dem designierten künftigen Aufsichtsratschef der Deutschen Börse, Ex-Allianz-Vorstand Joachim Faber, noch eine Weile erhalten bleiben. Faber soll nach dem ebenfalls am Montag formulierten Willen des Aufsichtsrates nach der Hauptversammlung am 16. Mai neuer Vorsitzender des Kontrollgremiums werden. Dessen derzeitiger Chef, der frühere Daimler-Finanzchef Manfred Gentz, tritt aus Altersgründen nach der Hauptversammlung ab. Turnusgemäß werden in diesem Jahr alle 18 Aufsichtsratsmitglieder der Deutschen Börse AG neu gewählt.

Mit dpa und Reuters

Kommentare zu " Fusion mit NYSE: Deutsche Börse attackiert EU-Kommission"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Fusion = niedrigere Transaktions- und Clearingkosten.

    Der Rest, I don`t care !

  • das Deutschland jetzt auch noch die europaeische Finanzwelt beherrschen koennte, geht gegen allen anglo-franko Vormachtsanspruechen.
    Deutschland wird keine Chance gegen die Bruessel-Diktatur haben!!!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%