Gäste vergrault
Im Türkei-Tourismus herrscht Flaute

Die Hoffnung auf einen neuen Reise-Rekord wird sich für die türkische Tourismusbranche in diesem Jahr wohl nicht erfüllen: die Buchungen brechen drastisch ein, meldet der Verband der Touristik-Investoren (TYD). Noch hoffen die Hoteliers auf Last-Minute-Gäste, doch bisher ist eine Erholung nicht abzusehen.

ISTANBUL. Die Krise der türkischen Tourismusbranche zeigt sich schon am Flughafen der türkischen Touristenhochburg Antalya. Die dortigen Grenzbeamten haben im ersten Quartal 243 000 Reisepässe weniger abgestempelt als im Vorjahresquartal. Um so viel ging die Zahl der ausländischen Besucher gegenüber dem Vorjahr zurück, ein Minus von 38 Prozent. Landesweit betrug das Minus in den ersten beiden Monaten zwar nur 7,4 Prozent, aber die Entwicklung könnte sich in den kommenden Monaten verschärfen: in den westeuropäischen Ländern, aus denen die meisten Türkei-Urlauber kommen, liegen die Buchungen für die Monate Mai bis August um 40 Prozent unter den Vorjahreszahlen, meldete der Verband der Touristik-Investoren.

Verbandspräsident Oktay Varlier sieht mehrere Gründe für den Rückgang: den Streit um die Mohammed-Karikaturen, die Vogelgrippe, die Anfang des Jahres in der Osttürkei vier Todesopfer forderte, und die starke Lira. Auch die Diskussion über Alkoholverbote in der Türkei dürfte die Reiselust gedämpft haben. Ihr Ziel, den 2005 mit 21,1 Millionen Besuchern aufgestellten Tourismus-Rekord in diesem Jahr zu toppen, muss die Branche wohl vergessen. Prognostiziert waren ursprünglich 26 Millionen Gäste, jetzt rechnet TYD-Präsident Varlier allenfalls damit, die Vorjahreswerte zu erreichen. In der Branche hofft man, dass der Rückstand bei den Reservierungen in den kommenden Monaten durch Last-Minute-Buchungen zumindest teilweise ausgeglichen werden kann.

Die Türkei hatte seit 1980 ihre Touristenzahlen pro Jahr um durchschnittlich 17,5 Prozent steigern können. Die Reisebranche steuert mittlerweile fast fünf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Dabei stellt Deutschland traditionell die meisten Besucher. Im vergangenen Jahr kamen rund 20 Prozent der Gäste aus Deutschland. Stark gewachsen ist allerdings in den vergangenen Jahren auch die Zahl der Türkei-Urlauber aus der früheren Sowjetunion, aus Osteuropa und dem Iran.

2005 hat die Türkei 18,2 Mrd. Dollar aus dem Tourismus eingenommen. Das entspricht einem Viertel der Exporterlöse. Trotzdem stieg das Leistungsbilanzdefizit auf 6,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Eine anhaltende Tourismusflaute könnte den Fehlbetrag noch weiter steigen lassen.

Und schon tauchen neue dunkle Wolken am türkischen Tourismushimmel auf: Der wieder aufgeflammte Kurdenkonflikt greift von den Südostprovinzen auf den Westen und Süden des Landes über. In der Wirtschaftsmetropole Istanbul kam es bereits zu blutigen Unruhen, und vergangene Woche zündeten kurdische Terroristen in Antalya einen Sprengsatz. Es blieb bei Sachschäden, aber die militante Untergrundorganisation „Freiheitsfalken Kurdistans“ (TAK) droht mit weiteren Anschlägen: Die Tourismus-Einnahmen seien „die wichtigste Geldquelle des türkischen Staates im Kampf gegen das kurdische Volk“, erklärten die Terroristen. „Wir werden deshalb Hotels, Vergnügungsparks und Tourismusunternehmen angreifen.“ Basaran Ulusoy, Präsident des türkischen Reisebüroverbandes TURSAB, sieht schwarz für die Saison: wenn der April nicht die Trendwende bringe, drohten der Branche Ausfälle von vier Mrd. Dollar. Menderes Turel, Bürgermeister der türkischen Tourismus-Metropole Antalya, gibt den Medien eine Mitschuld: Zeitungen und Fernsehen sollten mehr Vorsicht bei der Berichterstattung über „unschöne“ Ereignisse walten lassen, sagte der Kommunalpolitiker.

Die Branche kann sich allerdings damit trösten, dass sich der türkische Tourismus in der Vergangenheit von Rückschlägen stets schnell erholt hat. So sind die Touristenzahlen 1999 nach zwei schweren Erdbeben in der Nordwesttürkei um 23 Prozent eingebrochen. Im Jahr darauf allerdings stiegen die Touristenzahlen wieder um fast 40 Prozent. Auch die Terrorserie in Istanbul vom November 2003 dämpfte die Reiselust nur für wenige Monate.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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