Gastbeitrag
Media Markt in der Innovationsfalle

Media Markt ist ein Musterbeispiel dafür, wie Unternehmen hochinnovativ sein können - und dann die Zukunft verschlafen. 17 Jahre nach Amazon eröffnete der Media Markt im Januar einen Onlineshop - und enttäuscht erneut.
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Baden-Baden„Ich bin doch nicht blöd!“ Dieser Werbespruch hat sich tief in das Gedächtnis einer ganzen Käufergeneration gebrannt. Der Media Markt war einst als radikaler Innovator angetreten, um ein komplett neues Angebot zu schaffen: Einen Supermarkt für Elektronik, den es so zuvor noch nicht gegeben hat. Die Devise: Billig! Billig! Billig! Oder zumindest so tun.

Nun ist der Media Markt zum Opfer seiner eigenen Werbephilosophie geworden: Nein, die Kunden sind nicht blöd. Sie vergleichen. Und plötzlich bekommt das Unternehmen mit voller Wucht das zu spüren, was es jahrelang ignorieren konnte: die Macht des Internets. Solang man zwar woanders online bestellen konnte, jedoch der Prozess des Preisvergleichs aufwendig und kompliziert war, konnte das Unternehmen das Internet noch halbwegs ignorieren. Doch spätestens seit dem Smartphone-Boom, seitdem jeder Konsument - jedenfalls solange er nicht blöd ist - die Konkurrenzangebote sozusagen in der Hosentasche hat, sitzt der Media Markt in einer selbst gebauten Falle: Genau die Zielgruppe, die das Unternehmen jahrelang adressierte - die Schnäppchenjäger, die Geizhälse und die Billigheimer - sind dem Unternehmen nicht treu. Sobald es ein Produkt woanders billiger gibt, wechseln sie. Der Media Markt ist mit seinen Kunden in den letzten Jahre keine Ehe eingegangen, sondern hatte nur eine gelegentliche Affäre.

Mit dem neuen Onlineshop ist das Unternehmen da angekommen, wo selbst kleinere Unternehmen und der Handwerksbetrieb um die Ecke bereits seit 5 - 10 Jahren sind: Kunden können auch online etwas kaufen. Doch dieses „neue“ Angebot ist alles andere als eine radikale Innovation. Eigentlich ist der Onlineshop es nicht einmal wert, eine Innovation genannt zu werden. Während Konkurrenten wie Amazon seit 17 Jahren systematisch das Kaufverhalten ihrer Kunden auswerten, personalisierte Angebote erstellen und so die Möglichkeiten der personalisierten Ansprache voll nutzen, verkauft Media Markt weiterhin Massenware. Während andere Unternehmen bereits hochintelligente Apps mit GPS-Standorterkennung, Barcode-Scannern, Kundenbewertungen, Ein-Klick-Einkaufsmöglichkeit, Anbindungen zu Applikationen wie Facebook oder Twitter haben, ist beispielsweise die iPhone-App des Media Markts bis heute nicht mehr als ein primitiver digitaler Katalog.

Wie kann so etwas passieren? Wie kann ein Unternehmen, das selbst einst durch radikale Innovationen Märkte revolutionierte, so den Anschluss verpassen? Der Media Markt ist kein Einzelfall, sondern eher ein Beispiel für kurzfristiges Innovationsdenken auf Kosten langfristiger Erfolge, das ist in vielen Unternehmen gibt. Das Management glaubt an die eigenen Unternehmensbroschüren, in denen der hohe Wert von Innovation und die Bedeutung der Kreativität von Mitarbeitern hervorgehoben wird. Man bezeichnet sich selbst wahlweise als „Pionier“, „Innovationsführer“ oder „zukunftsorientiertes Unternehmen“. Nach draußen vermittelt man den Eindruck, das Unternehmen sei auf dem Weg, zum Mond zu fliegen. Schaut man jedoch hinter die Kulissen, sieht man die Realität: statt Mond reicht es maximal für eine Pauschalreise nach Mallorca. Innovation findet nur solange statt - wie es der Geschäftsführer eines internationalen Baukonzerns hinter den Kulissen einmal ausdrückte - „solange wir von vornherein wissen, was am Ende dabei herauskommt“.

So wie beim Media Markt: solange Innovation bedeutet, die Verkaufsflächen noch attraktiver, besser und damit letztlich effektiver zu gestalten, solange es darum ging, die Regeln der Werbebranche durch hochinnovatives Marketing neu zu definieren, solange war der Media Markt stets gut. Doch sobald Innovation den Rahmen des Inkrementellen verlässt, scheitert nicht nur der Media Markt, sondern andere Branchen genauso: nicht nur der Einzelhandelt tut sich mit den rasanten Entwicklungen des Internets schwer, auch Banken, Versicherungen, die Tourismusbranche, die Bauindustrie, der Maschinenbau und die Automobilbranche. Sie verstehen die neuen Trends nicht. Sobald Innovation den Rahmen des Inkrementellen verlässt, also mit dem bestehenden Erfahrungshorizont des Unternehmens und seines Managements beurteilt und durchgeführt werden kann, solange ist das Unternehmen innovativ. Kaum verlässt es diesen Rahmen, wird aus dem mutigen radikalen Innovator von einst ein ängstlicher, zögernder, zaudernder Verteidiger dessen, was geschaffen wurde.

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Media Markt in der Innovationsfalle

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Unbeweglich wie ein Dinosaurier

Kommentare zu " Gastbeitrag: Media Markt in der Innovationsfalle"

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  • Der Media Markt Online Shop ist, wie schon beschrieben nicht nur antik langweilig, er spiegelt auch etwas von 100%iger Arroganz wieder. Egal wie wir das Ding zusammen schustern, wir sind die Media Markt Helden und darauf fährt der blöde Kunde schon ab. Ich habe schon so einiges in meiner jahrelangen E-Commerce Erfahrung erlebt aber das Media Markt Ding ist ein absolutes Parade-Beispiel einer innovationslosen Insellösung die mühslig in allen Media Markt Ländern auf die gleiche Akzeptanz setzen muss. Wir sind doch nicht blöd, so werden auch die teuren Agenuren für viel Geld diesen e-Commerce Schwachsinn unterstützt haben. Ja, wenn ein Einzelhändler Online Profi spielt, dann kommt halt so eine lahme Krücke dabei raus.

    Hier auch noch ein interessanter Beitrag zum Thema
    http://www.produktreporter.com/media-markt-onlineshop/

  • Nachtrag:

    Hier noch der Link zu dem Aufsatz, in dem das Innovationsverhalten von Unternehmen (radikale Produkt- und Prozessinnovationen im Lebenszyklus von Unternehmen) graphisch dargestellt ist:

    http://stefanleichnersblog.blogspot.com/2012/02/in-der-wachstumsfalle-griechenland-co_29.html

  • Ich halte MediaMarkt nicht für ein wirklich gutes Beispiel für ein Unternehmen, das sich mit "radikalen Innovationen" auf dem Markt behauptet. Denn "radikale Innovationen" und extremer "Preiswettbewerb" (Geiz ist geil!) stehen für die gegensetzlichen Strategien der "Differenzierung" (Qualität, Innovationsführerschaft) und "Kostenführerschaft".

    Was MediaMarkt ebenso wie die meisten führenden, großen Industrieunternehmen gemacht hat, ist, Innovation als Mittel zum Preiswettbewerb zu nutzen - das Angebot selbst ändert sich dadurch aber nicht oder allenfalls marginal!

    So gesehen hat MediaMarkt eine radikale "Prozessinnovation" getätigt, aber ganz sicher keine radikale "Produktinnovation". Und wie man aus empirischen Innovationsstudien weiß, spielen signifikante Prozessinnovationen erst in der Expansionsphase von Märkten eine Rolle, das heißt: auf dem direkten Weg zu einem "reifen" Markt.

    Radikale Produktinnovationen sind indes kennzeichnend für neue Märkte, auf denen wettbewerblich gesehen weder die "Kosten" noch der "Preis" ausschlaggebend sind, sondern die "Funktionalität" und "Qualität" von Angeboten und Diensten. Genau das führt auch zu einer dynamischen Entwicklung und schafft die Voraussetzung für Wachstumsschübe - auf einzelnen Märkten und ebenso in ganzen Volkswirtschaften.

    Ihre Diganose, Herr Meyer, ist dennoch vollkommen richtig: Wir haben heute zu viele Unternehmen und zu viele Märkte, die im Modus "Staus-Quo-Erhalt" laufen und deswegen innovativ wie auch marktstrukturell völlig verkrustet sind. In einem solchen Umfeld jagt ein Kostensenkungsprogramm das nächste und weder den Managern noch den Wirtschaftspolitikern scheint klar zu sein, dass sie sich in eine Innovations- und Wachstumsfalle manövrieren.

    Wer das etwas besser erklärt haben möchte, kann das hier tun: http://stefanleichnersblog.blogspot.com/2012/03/in-der-wachstumsfalle-griechenland-co.html

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