Gelbe Tonne
Endlich weg

Die gelbe Tonne kommt in den Müll. Aus der Idee, Verpackungen wiederzuverwerten, ist ein absurdes Milliardengeschäft für Abstauber, Trittbrettfahrer und Schmutzfinken geworden. Schon bald wird die Mülltrennung radikal vereinfacht – und billiger. Statt bis zu zehn verschiedener Abfallbehälter gibt es dann nur noch ein oder zwei.
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Im warmen Licht der Abendsonne stehen sie links und rechts der Straße – gelbe Tonnen, so weit das Auge reicht. Die Anwohner der Wittenberger Straße in Meerbusch, dem etwas feineren Städtchen vor den Toren Düsseldorfs, haben wie jeden Dienstagabend ihren Verpackungsmüll zu einem weithin leuchtenden Gesamtkunstwerk arrangiert. Morgen ist Abholtag.

Doch die Akkuratesse trügt. Denn hier, am östlichen Stadtrand von Meerbusch, wohnen Sünder. Die Bewohner dreier großer Mehrfamilienhäuser haben Kartoffelschalen, Babywindeln und verschmiertes Einweggeschirr in ihre gelben Tonnen geworfen. Die Müllmänner schlugen zurück, sie ließen die Tonnen ungeleert stehen. Die Ertappten mussten die unziemlichen Dreingaben aus dem Müll klauben, wollten sie auf Abholung hoffen. „Ausbaden musste es am Ende unser Hausmeister“, schämt sich ein älterer Anwohner. „Er musste die Säcke durchwühlen und dann tagelang neben den Tonnen stehen, um den Bewohnern die richtige Mülltrennung beizubringen.“

Meerbusch ist überall in Deutschland, die Abfallinquisition wütet so heftig wie nie zuvor zwischen Waterkant und Alpenrand. Wo immer Bürger ihre gelbe Tonne oder ihren gelben Sack in regelmäßigen Abständen an den Straßenrand stellen, stochern Müllmänner nach allem, was keinen Grünen Punkt trägt. Werden sie fündig, lassen sie das Gemisch demonstrativ stehen. Verweigern die Bewohner die Wiedergutmachung, ist Schluss mit lustig. In Wuppertal nahmen die Entsorger einem ganzen Stadtviertel die gelben Tonnen weg, insgesamt 1200 Stück. „Die Beschwerden über nicht abgeholten Müll reichen vom Bodensee bis Osnabrück“, klagt Eva Leonhardt, Entsorgungsexpertin der Deutschen Umwelthilfe (DUH) in Berlin. „Die Entsorgungsqualität in Deutschland lässt derzeit spürbar nach.“

Die unappetitlichen Szenen in den Vorgärten sind der sichtbarste Ausdruck dafür, dass die Tage der Mülltrennung, wie sie in Deutschland praktiziert wird, gezählt sind. Die Trennung des Mülls und die Finanzierung der Entsorgung funktionieren nicht mehr. Das System der gelben Tonnen wird verschwinden – weil es schon in den nächsten Monaten von selbst zusammenbricht, oder weil es von der Politik beerdigt wird.

Grüner Punkt und gelbe Tonne, eigentlich gedacht als Ausweis für umweltfreundliches Recycling von Verpackungen, sind verkommen zu einer aberwitzigen Veranstaltung. Behörden seien nicht mehr in der Lage, das System zu überwachen, kapitulierte unlängst die Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft Abfall (LAGA) in einem ihrer Berichte. Statt möglichst effizient und wirksam die Umwelt vor dem Verpackungsmüll zu bewahren, versuchen alle Beteiligten, das System für sich auszunutzen und sich gegenseitig zu übervorteilen:

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