Geldschränke
Tresore als Hort der Sicherheit

Sie sind grau, schwer und unhandlich - aber der letzte Schrei unter verängstigten Amerikanern aller Einkommensschichten: Geldschränke. Die Finanzkrise treibt die Verkaufszahlen in die Höhe. Immer mehr US-Bürger horten Scheine und Münzen im heimischen Safe.

NEW YORK. Sie sind grau, schwer und unhandlich, aber der letzte Schrei unter verängstigten Amerikanern aller Einkommensschichten: Geldschränke. Nach dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers und dem Skandal um den betrügerischen Vermögensverwalter Bernard Madoff horten immer mehr US-Bürger Scheine und Münzen. Die Absatzahlen für Safes ist in der Bankenstadt New York seit Ende vergangenen Jahres drastisch angestiegen.

"Die Menschen haben Angst um ihr Geld. Unser Absatz hat sich um 50 Prozent erhöht", sagt Ido Melamed, Besitzer der kleinen Kette von Eisenwarenhandlungen "Basic Plus" in Manhattan. Vom Studenten über den Kleinunternehmer bis zum Topmanager reiche die Kundschaft, die seither vor allem kleine, leicht in die Wand einlassbare Panzerschränke für bis zu 500 Dollar kaufe. "Ich habe ein Geschäft, in dem viel Bargeld anfällt und da habe ich angesichts der Lage gedacht, das sei eine gute Idee", beschreibt Ron Cocuzza, Besitzer eines Bekleidungsgeschäfts in New Jersey, seine Motivation für die Anschaffung.

Aber nicht nur in New York, wo das Bankensterben besonders greifbar ist, handeln die US-Bürger nach dem Motto: Nur Bares ist Wahres. "Am Anfang der Krise im Herbst hatten wir bis zu 50 Prozent mehr Verkäufe als im Vorjahr, jetzt liegen wir im Monat immer noch bis zu zehn Prozent höher", so Sondra McFarlane, Sprecherin von Sentry Safe, einer der führenden US-Hersteller von Geldschränken. Offensichtlich gibt es viele Menschen, die nicht einmal mehr der eigenen Regierung trauen. Obwohl Washington die Garantie für Spareinlagen von 100 000 auf 250 000 Dollar mehr als verdoppelt hat.

"Die Pleite von Lehman hat die Menschen so schockiert, dass auch viele an Börsengeschäfte gewöhnte, wohlhabende Amerikaner völlig auf Nummer sicher gehen und ihr Vermögen beschützen wollen", beschreibt Kathleen Gurney, Chefin von Financial Psychology, ihre Beobachtung. Gurney und ihre Mitarbeiter reisen seit Jahrzehnten kreuz und quer durch die Staaten, um wohlhabende Kunden bei der Geldanlage zu beraten. "Ich habe Kunden mit Millionenvermögen, die von jetzt auf gleich viel Geld lieber auf dem Girokonto liegen lassen, nur weil es dort jederzeit verfügbar ist", fügt sie hinzu. Einige neigten auch zu Radikalmethode und bunkerten Geldbündel im Safe. "Viele haben das Gefühl, es gehe im Moment um das blanke Überleben."

Klassischerweise steigen in den USA in Krisenzeiten die Verkäufe von Stahlschränken. "Man konnte das in den Rezessionen der Vergangenheit genauso beobachten, wie in Zeiten großer Naturkastrophen", so Senty-Safe-Sprecherin McFarlane. Basic-Plus-Chef Melamed ist sich aber sicher, das dieses Mal die Angst vor der nächsten Bankenpleite die Menschen am stärksten umtreibt. Deshalb wirbt er seit einiger Zeit in den Schaufenstern seiner sieben Geschäfte mit den provokanten Zeilen: "Lehman Brothers? Da wird keiner mehr ans Telefon gehen. Citibank? Wird es die morgen noch geben? Bernie Madoff? Ooops! Legen sie ihr Geld dort hin, wo es sicher ist." Melamed hat damit den Nerv der Kunden und der Banker gleichermaßen getroffen. Die Werbung hing noch keinen Tag, da kam ein Citigroup-Vertreter und verlangte die Entfernung des Schildes. Und gleich an den ersten zwei Tagen verkaufte er 30 Stahlschränke, so viele wie sonst in einem Monat. "Das Schild bleibt also hängen", sagt Melamed. Die Citibank äußerte sich auf Anfrage nicht zu ihrem Verlangen, die Werbung zu entfernen.

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