Geplanter Ausbau des Flughafen Frankfurt
Fraport kämpft mit Sicherheitsbedenken

Nach dem fast 300 Mill. € teueren Scheitern eines Terminal-Projektes in Manila droht dem Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport neues Ungemach: Der bis Ende 2006 geplante Ausbau von Deutschlands größtem Flughafen in Frankfurt, den Fraport selbst als unerlässlich für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit bezeichnet, könnte sich wegen Sicherheitsbedenken durch die Nähe zu einem Chemie-Werk verzögern.

Reuters FRANKFURT. Mittlerweile beschäftigt sich sogar die Störfallkommission beim Bundesumweltministerium mit dem ungewöhnlichen Fall. Sie soll klären, ob der Bau einer neuen Landebahn in unmittelbarer Nähe des Chemiewerkes der Celanese-Tochter Ticona im Kelsterbacher Wald bei Frankfurt mit der Seveso-II-Richtlinie der Europäischen Union (EU) vereinbar ist. Die Richtlinie sieht vor, dass die EU-Staaten den Bau neuer Verkehrswege oder Einrichtungen mit großem Publikumsverkehr in der Nähe von Risiko-Betrieben auf eine Sicherheitsgefährdung prüfen müssen. Voraussichtlich im November wird die Kommission, deren zuständige Arbeitsgruppe sich in der kommenden Woche erstmals auf der Basis gesicherter Daten mit dem Problem befasst, eine Empfehlung aussprechen.

Auch der Start des Planfeststellungsverfahrens, das Voraussetzung für den Bau einer neuen Landebahn ist, hinkt bereits etliche Monate hinter der ursprünglichen Planung des Flughafenbetreibers hinterher. Eigentlich sollte der Antrag bereits 2002 auf den Weg gebracht werden. Nach einigen Verzögerungen unter anderem wegen der Einholung von Sicherheitsgutachten sollen die Unterlagen nun Anfang September eingereicht werden.

Die Investmentbank Morgan Stanley hält indes bereits den ursprünglichen Zeitplan der Fraport für sehr eng. Sei die neue Landebahn Ende 2006 nicht einsatzbereit, kämen auf Fraport neben schweren Kapazitätsengpässen auch Umsatzeinbußen zu, teilte die Bank in einer aktuellen Studie mit. Schon heute übersteigt zu Spitzenzeiten die Nachfrage nach Starts und Landungen auf dem Frankfurter Flughafen nach Fraport-Angaben die vorhandenen Kapazitäten um über ein Drittel.

Auch über die diversen Sicherheitsgutachten selbst, die die Gefährdung einerseits für das Ticona-Werk und andererseits den Flugverkehr klären sollten, gibt es mittlerweile Streit: Das hessische Wirtschaftsministerium, das am Ende über die Erweiterung entscheiden muss, verwies kürzlich zwei eigens angeforderte Gutachten wegen wesentlicher Differenzen in die Qualitätssicherung. Die bisher nicht veröffentlichten Gutachten unterscheiden sich nach Angaben des Bundesumweltministeriums deutlich im Urteil darüber, wie wahrscheinlich ein Flugzeugabsturz über dem Ticona-Werk mit seinen rund 1000 Mitarbeitern ist. Während eines der Gutachten einen Absturz in 500 bis 600 Jahren als realistisch annimmt, geht das andere Gutachten von einer wesentlich niedrigeren Absturz-Wahrscheinlichkeit mit tödlichen Folgen für Werksarbeiter aus.

Dazu kommt, dass nach Berechnungen der Deutschen Flugsicherung (DFS) einige Anlagen des Ticona-Werkes in die Anflugschneise der neuen Landebahn hineinragen. Nach den Regeln der Internationalen Zivilluftfahrt-Behörde ICAO, die die Sicherheits-Standards für Verkehrsflughäfen setzt, sind in einem solchen Fall mehrere Lösungen denkbar: Die Behörden können den Bau der neuen Landebahn ablehnen, ihn genehmigen oder unter Auflagen gestatten. Der Chemiekonzern Celanese jedenfalls, dessen Werk in weniger als 100 Metern Höhe überflogen würde, hat bereits erhebliche Sicherheitsbedenken gegen die neue Landebahn angemeldet.

Immer mal wieder im Gespräch ist auch eine Umsiedelung des gesamten Chemie-Werkes. In den Medien wurden dafür Kosten von über einer Milliarde Euro genannt, während Fraport für die gesamte Flughafen-Erweiterung einschließlich des Baus eines dritten Terminals bisher 3,3 Mrd. veranschlagt hat. Wer die Kosten für einen Umzug übernehmen sollte, ist unklar. Allerdings rechnet Fraport ohnehin nicht damit, dass Ticona ein Problem für den Ausbau wird. „Wir gehen davon aus, dass ein Nebeneinander möglich sein wird“, sagt Fraport-Chef Wilhelm Bender. In seinem Geschäftsbericht 2002 schließt das Unternehmen allerdings das „Risiko einer bedeutenden Verzögerung oder gar Behinderung des Ausbaus auf juristischem Wege“ ausdrücklich nicht aus.

Pikant wird der Streit über die neue Landebahn auch dadurch, dass Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) nicht nur Aufsichtsratsvorsitzender der Fraport ist, sondern zudem Dienstherr von Wirtschaftsminister Alois Rhiel (CDU), der die abschließende Entscheidung über die Landebahn zu fällen hat. Bereits im August 2000 hatte sich Koch für den Bau der Landebahn im Kelsterbacher Wald ausgesprochen. „Damit ist ein faires Verfahren ausgeschlossen“, kritisiert der Grünen-Landtagsabgeordnete Frank Kaufmann, dessen Fraktion als einzige im Wiesbadener Landtag den Flughafenausbau ablehnt.

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