Geschäfte mit "Tim und Struppi"
Tim und Struppi: Plüschtiere und Spielfilme

Belgische Comics wie „Tim und Struppi“ gehören zu den berühmtesten der Welt. Doch das Geschäft stockt und das seit Jahren. Da sind Filme à la Walt Disney, da sind die Videospiele. Nun wollen die Comic-Kreativen endlich das große Geld einspielen – die Marketingmaschine läuft an.

BRÜSSEL. Aufgeklappt wie ein riesiges Comicheft steht es da, das erste Museum für Belgiens größten Nationalhelden. Draußen schieben sich Grashalme durch den Matsch. Drinnen steht der Held, der nie gelebt hat, aber 15 Jahre vor Neil Armstrong auf dem Mond landete. Er wartet auf seine Fans. Das mannshohe Modell seiner rot-weißen Rakete sieht aus, als könne es gleich abheben.

Der Abenteurer, dem das Museum in Louvain-la-Neuve bei Brüssel gewidmet ist, heißt – natürlich – Tintin. Sein treuer Terrier Milou ist wie immer auch mit dabei. Als „Tim und Struppi“ leben sie seit über 50 Jahren in jedem deutschen Bücherregal. 225 Millionen Alben wurden weltweit verkauft.

Tintin wurde in Belgien geboren, ebenso wie die putzigen Schlümpfe, der Cowboy Lucky Luke oder das ringelschwänzige Marsupilami. Kein anderes Land hat so viele Comicfiguren hervorgebracht, die so viele Fans fanden. Dank französischer Großverlage sind Belgiens Comichelden weltweit berühmt. Doch schon seit Jahren stagniert das Geschäft. Mit Alben allein sind keine guten Geschäfte mehr zu machen.

Das soll sich nun ändern. Die frankophonen Comic-Kreativen machen sich auf, den wahren geschäftlichen Wert ihrer Helden auszunutzen. Das Tintin-Museum, entworfen von Stararchitekt Christian de Portzamparc und mit 15 Millionen Euro bezahlt von Fanny Rodwell, der Witwe von Tintin-Erfinder Hergé, ist nur ein erster Schritt. Die Comicmacher wollen endlich lernen, wie sie ihre Helden breiter vermarkten können, als sie lediglich über bunte Heftseiten tollen zu lassen.

Werkstattbesuch in der Avenue Louise, Brüssels Einkaufsstraße. Hinterm Schreibtisch von Alain de Kuyssche steht Tintin, mannsgroß, eingehüllt in seinen Trenchcoat, die blonde Locke kess in der Stirn. In diesem Raum hat Georges Remi, Künstlername Hergé, Tintin geboren, 1929 war das. Seither scheint sich hier kaum etwas verändert zu haben. Sogar der Aufzug, sagt Kuyssche, sei noch der gleiche wie damals.

Kuyssche arbeitet seit Jahrzehnten für Tintin. Für Moulinsart, die Firma, die Hergés Zeichnererbe bewahrt, betreut er die Jubiläumsausgaben von „Tim und Struppi“.

„Belgien ohne Comics, das wäre völlig unvorstellbar“, sagt Kuyssche. Einst war er Chefredakteur des Comic-Magazins „Spirou“, das Figuren wie Lucky Luke bekannt machte. Und warum sind gerade die Belgier so verrückt nach gezeichneten Geschichten? Kuyssche lehnt seinen runden Oberkörper zurück. Das haben sie den Amerikanern zu verdanken, genauer: dem Marshall-Plan. „Die USA schrieben damals vor, dass alle im Kino gezeigten Zeichentrickfilme nun aus Amerika kommen sollten“, sagt er. „Das war sozusagen das Dankeschön an Walt Disneys Engagement im Krieg.“ Auf einen Schlag waren die Zeichner belgischer Trickfilmstudios ohne Job. Also schufen Männer wie Hergé, Peyo oder Morris ihre eigenen Comichelden: Schlumpfinchen statt Donald Duck.

Vom Erfolg profitierten die Comicverlage – Casterman, Dupuis, Lombard, alles Familienunternehmen. Den Durchbruch verdankten die Belgier allerdings den Franzosen. Kuyssche, 63, erinnert sich noch genau: 1966 schaffte es der unbeugsame Gallier Asterix auf den Titel des französischen Magazins „L'Express“: „Seit diesem Tag konnte man sich endlich offen mit Comicheften auf der Straße zeigen.“

Doch bald fehlte den Familienverlagen das Kapital, um den Comicboom zu nähren. Einer nach dem anderen verkaufte an französische Großverlage wie Media Participation oder Flammarion. Mittlerweile kontrollieren die beiden gemeinsam mit dem Glénat-Verlag mehr als 80 Prozent des Marktes. Sie machten das Comicgeschäft zur Industrie. In den 60er-Jahren gab es 100 neue Alben pro Jahr, heute sind es über 4 000.

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