Geschäftsleute kritisieren schlechtes Timing der Steuerreform
Weihnachtsgeschäft verdirbt die Stimmung

Der erst in der vergangenen Woche beendete Streit um die Steuerreform hat das Weihnachtsgeschäft der deutschen Einzelhändler belastet. Obwohl der Verkauf am letzten Wochenende vor Heiligabend anzog, sei das Geschäft insgesamt „deutlich schlechter gelaufen, als wir gedacht haben“, sagte Ulrich Eggert, Geschäftsführer der Konsumberatungsgesellschaft BBE, dem Handelsblatt.

DÜSSELDORF. Erwartet hatten die Kölner Experten ein Plus von 1 % gegenüber dem schlechten Vorjahr. Nun sei aber wohl mit einem Minus von 1 bis 2 % zu rechnen.

Die Bürger hätten viel zu spät erfahren, wie stark ihre Steuerbelastung ab Januar 2004 sinke, kritisierte Metro-Vorstandschef Hans-Joachim Körber. Außerdem hätte er sich „einen größeren und beherzteren Schritt“ gewünscht, sagte Körber mit Blick auf die Tatsache, dass die Deutschen im kommenden Jahr nur um 15 statt der ursprünglich geplanten 22,8 Mrd. Euro entlastet werden. Auch der Handelskonzern Karstadt-Quelle kritisierte, wegen des zu lange schwelenden Steuerstreits sei der nötige Konsumimpuls für das Weihnachtsgeschäft fast komplett ausgeblieben.

Die Kritik des Einzelhandels am Steuerpoker zwischen Regierung und Opposition stützt eine vom Handelsblatt in Auftrag gegebene repräsentative Studie des Aachener Meinungsforschungsinstituts Dialego. Das Institut hatte 488 Deutsche vor ihren Weihnachtseinkäufen befragt, welche Entlastungen sie von der geplanten Steuerreform erwarteten. Das Ergebnis: Knapp 60 % der Befragten waren Mitte Dezember davon überzeugt, dass sie unter dem Strich im kommenden Jahr nicht mehr Geld als 2003 zur Verfügung haben würden. In der besonders konsumstarken Gruppe der 30- bis 49-Jährigen glaubten dies sogar 69 %. Außerdem rechneten Mitte Dezember nur 38 % der Befragten damit, dass die dritte Stufe der Steuerreform tatsächlich auf 2004 vorgezogen würde.

Neben dem fehlenden politischen Konsumimpuls werden auch die aktuellen Rabattschlachten die Quartalsergebnisse der Einzelhandelskonzerne erheblich belasten. Galten starke Preissenkungen in der Vorweihnachtszeit lange Zeit als Tabu, verzichtete in diesem Jahr kaum ein Kaufhaus auf spektakuläre Preisnachlässe.

Besonders betroffen von der Kaufzurückhaltung ist der Textilhandel. Hier waren die Umsätze in den ersten drei Dezember-Wochen 8 % niedriger als vor einem Jahr, wie eine Branchenbefragung der BBE Köln ergab. Karstadts Textilfilialist Wehmeyer beispielsweise reduzierte seine komplette Herbst- und Winterware Mitte Dezember um 30 %. Schon nach dem dritten Adventswochenende stuften die Analysten der Hypo-Vereinsbank die Aktie von Karstadt-Quelle auf „underperform“ herunter. „Wir liegen unter Vorjahr“, berichtet auch Klaus Jost, Vorstand bei Deutschlands größtem Sporthändler Intersport, „aber wir schlagen uns im Vergleich zu anderen noch beachtlich.“

In jedem Fall fallen die Deutschen mit ihren Weihnachtseinkäufen weit unter den europäischen Durchschnitt zurück. Nach einer Studie des Unternehmensberaters Deloitte & Touche planten deutsche Verbraucher zuletzt, 567 Euro für Weihnachten auszugeben, davon 349 Euro für Geschenke. Im EU-Mittel geben die Verbraucher 706 Euro zum Fest aus, davon 394 Euro für Präsente. Ein Grund für die Differenz ist die in Deutschland nach wie vor besonders weit verbreitete Angst, arbeitslos zu werden: Während hier zu Lande 75 % der Erwerbsfähigen um ihren Job fürchten, sind es im übrigen Europa 50 %, wie die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) herausfand.

Zurückhaltend sind die Deutschen auch beim Kauf von Unterhaltungselektronik. „Im Laden drängeln sich die Kunden wie in den Jahren zuvor, doch die Schlangen an den Kassen sind diesmal deutlich kürzer“, berichtet ein Saturn-Verkäufer in Köln. Allein die neuen Kamera-Handys konnten nach Angaben des Bundesverbandes Technik des Einzelhandels als Geschenkartikel überzeugen. Allerdings lockten Provider und Netzbetreiber wie T-Mobile oder Vodafone die Kunden hier auch mit hoch subventionierten Schnäppchenpreisen. Positiv überraschen konnten im diesjährigen Weihnachtsgeschäft nur ganz wenige Branchen. Zu ihnen zählen der Spielwaren- und der Buchhandel.

Während der Präsident des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels, Hermann Franzen, noch auf einen „erfolgreichen Endspurt“ bis Heiligabend hofft, geht GfK-Chef Klaus L. Wübbenhorst davon aus, dass die Deutschen wegen der Steuersenkungen im kommenden Jahr zumindest wieder mehr langlebige Konsumgüter kaufen werden. Derzeit beschränkten sich viele aber noch darauf, „statt Sekt wieder Champagner in den Kühlschrank zu stellen“.

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