Gesetzespaket

Wirtschaftsprüfern geht es an den Kragen

Die Bilanzprüfungen in europäischen Konzernen lassen nach Einschätzung der EU-Kommission zu wünschen übrig. Sie will neue Regeln für Wirtschaftsprüfer schaffen und die Dominanz der "Großen Vier" brechen.
Update: 30.11.2011 - 13:18 Uhr 12 Kommentare
Der für den Binnenmarkt zuständige Kommissar der Europäischen Union, Michel Barnier. Quelle: dapd

Der für den Binnenmarkt zuständige Kommissar der Europäischen Union, Michel Barnier.

(Foto: dapd)

BrüsselDie EU will die Macht der führenden Wirtschaftsprüfer radikal beschneiden. EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier legte am Mittwoch in Brüssel ein Gesetzespaket vor, mit dem vor allem die Dominanz der „Großen Vier“ - KPMG, Ernst & Young, Deloitte und PwC - gebrochen werden soll.

Nach Auffassung der Kommission zeigte die Finanzkrise, dass die Qualität der Bilanzprüfungen zu wünschen übrig lässt. Es komme zu Interessenkonflikten bei langjähriger Zusammenarbeit großer Unternehmen mit ein und demselben Prüfkonzern. „Wir müssen das Vertrauen in die Abschlüsse von Unternehmen wiederherstellen“, erklärte Barnier.

Nach dem Entwurf wären die Marktführer gezwungen, das Prüfungsgeschäft vom Beratungsgeschäft zu trennen. Beide Dienstleistungen dürften nicht unter dem selben Namen angeboten werden und zum selben Netzwerk gehören. Unternehmen dürfen nicht mehr festlegen, dass eine der vier großen Gesellschaften die Prüfung vornehmen muss. Nach mindestens sechs Jahren muss ein Unternehmen einen anderen Prüfer beauftragen. Die Frist kann auf neun Jahre verlängert werden, wenn zwei Gesellschaften die Bilanz prüfen.

Die EU will damit einen Anreiz schaffen, zwei Firmen Mandate zu erteilen. Damit sollen kleinere Konkurrenten eine Chance bekommen, mehr Aufträge zu ergattern. Von der ursprünglich geplanten Pflicht zur Beschäftigung von zwei Prüfern sah die Kommission ab.

KPMG, Ernst & Young, Deloitte und PwC prüfen praktisch alle großen Konzerne weltweit. In manchen EU-Ländern beherrscht sogar nur einer der Großen den Markt. In die Kritik sind sie vor allem während der Finanzkrise geraten: Sie hatten die Bilanzen vieler Banken testiert, die wenig später vom Steuerzahler gerettet werden mussten - Ernst & Young etwa war bei der Pleite-Bank Lehman Brothers an Bord.

Die großen Wirtschaftsprüfer waren gegen den Entwurf schon im Vorfeld Sturm gelaufen. Am Finanzplatz London wird bereits vor einer Übernahme der Marktführer etwa durch die aufstrebende Konkurrenz aus China gewarnt. Das deutsche Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) bezeichnete Barniers Pläne als „Irrweg ohne Beispiel“.

Die Pläne müssen noch vom Europäischen Parlament und den Mitgliedstaaten abgesegnet werden. Widerstand wird vor allem aus Großbritannien erwartet, wo die „großen Vier“ ihren Europasitz haben. Die EU-Kommission erwartet, dass nach Gesetzgebung und Umsetzung in nationales Recht die neuen Regeln in drei bis fünf Jahren greifen werden.

  • rtr
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12 Kommentare zu "Gesetzespaket: EU geht Wirtschaftsprüfern an den Kragen"

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  • Vielleicht doch im Klartext:
    1. denke ich, dass diese EU-Regelung nicht das bewirken wird, was sie sich auf die Fahnen geschreiben hat: Qualität und Unabhängigkeit.
    2. denke ich, dass kleine nicht besser (oder schlechter) sein müssen als Große: nur schwächer, und damit evtl. noch erpressbarer?
    3. auf die Menschenverachtung bei den big4 oder sonstwo wird die Verordnung überhaupt keine Auswirkungen haben. Daher ist es m.E. sinnlos, die beiden Aspekte hier verbinden zu wollen - die big4 werden nicht besser (oder schlechter) durch eine Zerschlagung - auch wenn es jemandem, der darunter leiden musste, eine gewisse Genugtuung bedeuten kann. Die aber ist eher privater Natur und ein Nebeneffekt.

  • Warum so böse? Ich hatte bei meiner ersten Äußerung bereits vorangestellt, dass ich nix mit den big4 zu tun habe.
    Ich weise lediglich darauf hin, dass anderswo auch nur mit Wasser gekocht wird. Und dass Moral eben nicht verordenbar ist durch die EU.
    Lassen Sies gut sein mit Ihrer Empörung: auch wenn Sie mir hier PR-Qualitäten unterstellen (danke sehr!), was ich schreibe, ist nur meine Privatmeinung.
    Den wettbewerbsrechtlichen Aspekt, der hier immer wieder anklingt, finde ich interessant:soweit ich mich damit beschäftigt habe (nicht sehr;-)) ist die Intention der EU hier eigentlich keine in erster Linie wettbewerbsrechtliche, sonder die Argumentation zielt auf Qualität und Unabhängigkeit vom Mandanten. Allerdings ist das WWR vermutlich dann der einzige wirkliche Effekt der Maßnahme: die Zerschlagung der Großen, damit die anderen auch was von der Beute haben. Bitte um Verzeihung vorab an Moralwächter - der Grat zwischen Nüchternheit und Zynismus ist manchmal recht schmal;-)

  • Sehr geehrter Boxerhandschuh, hoffe Sie machen Ihrem Namen alle Ehre und werden aktiv bei der Zerschlagung der BIG4 mithelfen. Danke für Ihre Unterstützung.

  • Warum gehen hier Sie gezielt so gegen die mittelständischen und Kleinstpraxen vor? Sind Sie ein Mitarbeiter der Big4, aus der PR Abteilung vom IdW oder einer von den 60 Lobbyisten, den PWC durch die Bundesrepublik schickt. Das System der Big4 stört mich und jeder der dort einmal gearbeitet hat kann dies (einen gesunden Menschenverstand unterstellt) verstehen. Die Big4 saugen die Hochschulabsolventen ab (geben hier dem Mittelstand gar keine Chance; siehe auch der neue Master of Accounting, der eine Vorbereitung auf das WP Examen ist, gestützt von IdW und den Big4, leider hat der Mittelstand hier keine Chance mitzuhalten, obwohl der Mittelstand wirklich in vielen Bereichen viel interessanter ist). Dann die Laufbahn bei den Big4: StB Examen dann WP und dies alles bei 70 - 80 Wochenstunden Arbeitszeit und wirklich ein ganz geringes Gehalt bei den Big4 für die Manager / Senior Manager, weil jeder will ja mal Partner oder sogar Equity-Partner werden! Was dann dort für Machtspielchen ablaufen und mit welcher Härte und Brutalität hier dann gearbeitet wird.....dies kann wirklich mehr als ein Burn-Out Syndrom hervorrufen! Und dann wenn, man das berühmte Partner Assessment Center nicht geschafft hat, dann wird aktiv von den Vorgesetzten an der Exitstrategie des Mitarbeiters gearbeitet. Halten Sie diese Geschäftsgebahren für fair und in Einklang mit den sogenannten Value Charters, die sich die Big4 gegeben haben?

  • Zumindest ist es von der EU ein berechtigter Versuch, gegen WP-Oligopole anzugehen. Schlimmer kann es ja wohl nicht werden. Der Widerstand der großen WP-Gesellschaften macht deutlich, dass die Richtung stimmt, sonst gäbe es nur ein Achselzucken. Die großen Geschäftsbanken werden sich auch vom Investmentbanking trennen müssen, natürlich mit demselben Widerstand.

  • Zusatz:
    HRE und die 55 MRD wurden genannt. Nun besteht hier die Panne aus mindestens 2 Teilen:
    einmal die, die den Fehler machten - warum? und dann erst die, die ihn nicht bemerkt haben (oder absichtlich nicht bemerkten, weil man bei der möglicherweise geplanten Bilanzverängerung einfach übersehen hat, welche Auswirkungen das auf die Statistik und damit auf den Ausweis der Staatsschulden hat).
    Warums also nicht bemerkt wurde - nun ja.
    Wies passieren konnte? Eine Vielzahl von Dienstleistern und Schnittstellen war beteiligt, bis die Zahlen in die Statistik gelangte. Also eine Vielzahl kleinerer Einheiten vermutlich ohne definierte Prozesse und Zuständigkeiten (wer saldiert?).
    Bei gelingender EU-Initiative, mal unterstellt, würde nun ein Vielzahl kleiner WP-Gesellschaften mit unterschiedlichen Arbeitsweisen und schwieriger Koordination dort prüfen. Not trifft Elend: dass die hier wachsamer wären, ist nicht so wahrscheinlich. Und angenommen EINER von den "Kleinen" bemerkt den Fehler: wo würde der sich unbeliebt machen, nachdem er mit Mühe, unter Preisdruck und ressourcenknapp ein so tolles Mandat ergattern konnte? Zumal im Entdeckensfall eben auch auf prüferseite keine eindeutig "Schuldiger" (heute noch PWC) gefunden werden könnte. Es wäre also wesetnlich attraktiver für den aufmerksamen Kleinen, die Klappe zu halten, zumal er sich im Zweifel nicht (allein-)verantworltlich in der Rolle des Schuldigen findet.

  • EU-Argumentation ist wohl, Neutralität und Prüfqualität verbessern zu wollen. Mein "Ansatz" zusammengefasst war einmal, dass die Gesellschaften unterhalb den big4 ebensowenig neutral weil ebenso querbeauftragt sind. Warum die Prüfqualität bei kleineren Gesellschaften und JointAudits besser werden soll, erschließt sich mir auch nciht. Wer jemals Teams koordinieren musste, weiß, dass die Fehleranfälligkeit mit dem Koordinationsaufwand steigt.
    die "Menschenverachtung" aber, die Sie nennen, ist NICHT von der EU-Initiative erfasst und wird auch durch keine solche abzuschaffen sein. Zudem haben auch die die big4 nicht exklusiv gepachtet.

  • Teilweise tragen Sie hier wirklich sehr gute Ansätze vor. Jedoch sollten wir uns alle einmal ein internes Bild von den Big4 und deren Arbeitsmethoden machen, die teilweise wirklich menschenverachtend sind. Kennen Sie das Buch die Firma von John Grisham, dies stellt wirklich noch die harmlose Version des Alltags bei einer der Big4 Gesellschaft dar.

  • Ich bin weder "Bestandteil" noch Befürworter des big4-Oligopols. Trotzdem kommt mir die europäische Initiative samt Argumentation herzerweichend naiv vor: wovon bitte ernähren sie größere mittelständische Gesellschaften? Von der Quersubventionierung durch lukrative Prüfaufträge - soll bitt keiner so tun als würden das nur die big4 machen.
    Zum andere: Assis mit Checkliste und Prüfprogramm auch die sind (leider) nicht nur bei den big4 zu Hause. Wer soll die DAX-Konzerne denn prüfen? Schwer koordinierbare Kleinst-WPs mit unterscheidlichen Arbeitsmethoden? Zusammengekaufte größere mittelst. GEsellschaften, die mangels org. Wachtsumfähigekeiten zusammengekauft haben, was nciht bei 3 auf den Bäumen war (Stichwort Boutique)?
    Was da aus der EU kommt, bewirkt nur, dass ein paar mehr eh schon größere Gesellschaften am lecker Kuchen der big4 teilhaben dürfen. Soll sich keiner einbilden, dass dadurch die Prüfungsqualität besser würde? Warum sollte sie? Der ggf. noch ehrlich motivierte KleinstWP bzw. Kleinakanzlei wird mangels Masse auch künftig nicht zum Zug kommen. Oder wie stellt man die die Ideale der EU vor: "Guten Tag Herr Maier. Sie sind doch WP. Könnten sie mal eben Daimler prüfen." Einfach nur nutzlos wie eine Quecksilberlampe.

  • Chinesische Wirtschaftsprüfer

    Wer den Überblick vollständig verloren hat und schon mal 55 Milliarden übersieht, hat auch Angst vor Chinesischen Wirtschaftsprüfern in europäischen und amerikanischen Unternehmen.

    Vielleicht wäre es auch ganz heilsam, die Finanzbranche durch Chinesen prüfen zu lassen. Dann würden die Risiken möglicherweise auch erkannt und Klartext geredet. Schlimmer als bisher kann das nämlich auch nicht werden.

    Lehmann, IKG, Sachen-LB, HRE und und und lassen grüßen.

    Hier kann man nur noch den Kopf schütteln.

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