Gesundheitsbranche
Rabattverträge der Krankenkassen: Ein bürokratischer Wahnsinn

Seit zwei Jahren können gesetzliche Krankenkassen in Deutschland Rabattverträge mit Pharmaunternehmen abschließen. Auch wenn die Apotheker grundsätzlich befürworten, dass die Krankenkassen mit dieser Kooperation Geld einsparen wollen – für sie bedeutet das einen bürokratischen Mehraufwand und dadurch im Endeffekt höhere Kosten.

FRANKFURT. Michael Hofheinz ist frustriert. Seit es Rabattverträge zwischen Pharmafirmen und den gesetzlichen Krankenkassen gibt, macht ihm sein Job als Apotheker viel weniger Spaß. „Das Ganze ist ein unübersichtlicher Wust, der den Patienten kaum zu vermitteln ist“, schimpft er. „Ich bin vor allem damit beschäftigt, im Computer zu schauen, welches Medikament ich abgeben darf und zu erklären, warum der Patient nun nicht mehr die blauen, sondern weiße Tabletten bekommt. Für echte Beratung bleibt da kaum noch Zeit“, sagt der Inhaber der Karlsruher Gropius-Apotheke.

Ab Juni wird Hofheinz noch mehr erklären müssen: Dann startet die bisher größte Rabattrunde der AOK. Der AOK-Patient wird ab diesem Zeitpunkt nur noch ein vertraglich festgelegtes Nachahmer-Medikament erhalten, wenn der Arzt ihm beispielsweise den Wirkstoff Simvastatin gegen einen zu hohen Cholesterinspiegel verschreibt. Solche Verträge hat die AOK bundesweit für 63 Wirkstoffe und fünf Gebiete ausgeschrieben.

„Wir gehen davon aus, dass ab Juni 60 Prozent der AOK-Versicherten auf die neuen Medikamente umgestellt werden müssen“, sagt Fritz Becker, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbandes. Das bedeute für die Apotheken einen erheblichen Mehraufwand, denn die AOK betreut in Deutschland mehr als 24 Millionen Menschen oder fast ein Drittel der Bevölkerung.



Seit zwei Jahren können gesetzliche Krankenkassen in Deutschland Rabattverträge mit Pharmaunternehmen abschließen. Ende 2008 gab es laut Marktforschungsinstitut IMS Health 4 700 Verträge für rund 26 000 Handelsformen von Medikamenten – insgesamt also 1,2 Millionen einzelne Vertragsvereinbarungen. Diesen Aufwand betreiben die Kassen, um bei den Arzneimittelausgaben zu sparen. Die Generikabranche wiederum gewährt die Rabatte, um im Geschäft zu bleiben.



„Wenn die AOK-Verträge starten, werde ich mein Warenlager erneut auf den Kopf stellen müssen“, sagt Thomas Rochell, Inhaber der Vital-Apotheke im ostwestfälischen Beverungen. „Früher habe ich am Lager gehabt, was die Ärzte im Umkreis verordnet haben, jetzt bestimmen die Krankenkassen meine Lagerhaltung“ sagt Rochell. Rund 40 Prozent seiner Kundschaft sind AOK-Versicherte. Will er die schnellstmöglichst versorgen, müsste er ab Juni allein wegen des neuen AOK-Rabattvertrags 63 Wirkstoffe in etwa fünf verschiedenen Stärken und jeweils drei Verpackungsgrößen am Lager haben. Das entspricht knapp 1 000 Artikeln – die durchschnittliche Apotheke hat 3 000 bis 5 000 Produkte am Lager. Da Beverungen aber an der Grenze zu Niedersachen liegt und Rochell auch viele hessische Kunden bei sich begrüßt, bedient er Patienten aus drei AOK-Rabattregionen, für die es teilweise unterschiedliche Pharma-partner gibt. Dadurch steigt die Menge der Packungen, die Rochell gerne am Lager haben würde, also noch einmal deutlich.

Seite 1:

Rabattverträge der Krankenkassen: Ein bürokratischer Wahnsinn

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%