Gewinn massiv überschätzt
Tesco gibt „ernsten“ Fehler zu – Aktie stürzt ab

Tesco sorgt regelmäßig für schlechte Nachrichten. Die britische Supermarktkette leidet unter der Konkurrenz von Aldi und Lidl. Doch was das Unternehmen jetzt veröffentlichte, schockierte selbst die leidgeprüften Anleger.
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London, DüsseldorfAls Händler sollte man das Rechnen eigentlich beherrschen. Doch die britische Supermarktkette Tesco hat hier offenbar noch Nachholbedarf. Man habe einen „ernsten“ Fehler in der Prognose für den Halbjahresgewinn entdeckt, teilte das Unternehmen am Montag mit. Der Gewinn sei um 250 Millionen Pfund (317 Millionen Euro) „überschätzt“ worden. Ursprünglich hatte Tesco einen operativen Gewinn von 1,1 Milliarde Pfund gemeldet.

Der neue Chef des Unternehmens, David Lewis, bemühte sich, zu retten, was zu retten ist. Die Buchprüfer seien aufgefordert worden, dem Problem auf den Grund zu gehen, erklärte Lewis. Sobald die Ergebnisse der Untersuchung vorlägen, werde er „scharfe Maßnahmen“ ergreifen. Er erwarte, dass Tesco „auf integre und transparente Weise funktioniert“. Aufgefallen sei der Fehler bei den Vorbereitungen der Bilanz, deren Veröffentlichung für den 1. Oktober geplant war. Diese werde nun auf den 23. Oktober verschoben.

Die Aktionäre reagierten schockiert: Am Montagmorgen stürzte die Aktie an der Londoner Börse um zehn Prozent auf 210 Pence ab. Damit fiel sie auf den tiefsten Stand seit 2003. Seit Jahren gibt der Kurs nach, allein in den vergangenen zwölf Monaten um rund 40 Prozent.

Tesco ist die größte britische Handelskette und die drittgrößte weltweit nach Walmart aus den USA und Carrefour aus Frankreich. Doch der Einzelhändler steckt in einer tiefen Krise. Auf dem Heimatmarkt macht ihr die Billigkonkurrenz der Discounter Aldi und Lidl zu schaffen. Anfang Juni hatte Tesco für die ersten drei Monate des Jahres die schlechtesten Quartalszahlen seit vier Jahrzehnten veröffentlicht.

Vorstandschef Philip Clarke musste im Juli wegen enttäuschender Zahlen zurücktreten. Clarke hatte mehr als eine Milliarde Pfund investiert, um die Läden auf Vordermann zu bringen. Unter anderem sollten Kinderspielplätze und Zumba-Tanzkurse die Kunden zurück zu Tesco locken. Nun soll sein Nachfolger David Lewis, der seit dem 1. September im Amt ist, den Schaden begrenzen. Lewis kam von Unilever und gilt als Spezialist für Restrukturierungen.

Die Vermutung liegt nahe, dass „Rechenfehler“ in der Bilanz nicht zufällig passiert ist - bei der Prüfung der Bilanz soll auch die Rechtsanwaltskanzlei Freshfields mitarbeiten. „Die Verantwortlichen bei Tesco standen offensichtlich unter hohem Druck, bessere Ergebnisse zu präsentieren“, sagte Bryan Roberts, Analyst bei Kantar Retail. „Das ist eine ziemliche Katastrophe. Einige hochrangige Leute werden dafür gehen müssen.“

Manche Analysten können der Angelegenheit dennoch etwas Positives abgewinnen. Die Mitteilung mache deutlich, dass das neue Management mit den Aufräumarbeiten begonnen habe, erklärte Ewen Cameron Watt, Chefstratege bei Blackrock Investment Institute.

„Es war abzusehen, dass es einige Leichen im Keller gibt“, sagte auch Bruno Monteyne, Analyst bei Sanford C. Bernstein und früherer Manager bei Tesco. „Man muss David Lewis zugute halten, dass er die Dinge angeht. Aber an den Aufsichtsrat und Phil Clarke muss man einige ernste Fragen stellen.“

Jörg Hackhausen
Jörg Hackhausen
Handelsblatt Online / Reporter
afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur

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