Gier und Maßlosigkeit haben dem Rotwein geschadet
Bordeaux erwartet die Renaissance

Auf dem Bordeaux-Jahrgang 2015 ruht die Hoffnung einer ganzen Region. Nach den deutlichen Rückschlägen in der Vergangenheit ist ein Erfolg bitter nötig – Erzeuger und Händler müssen sich vor neuem Übermut in Acht nehmen.

BordeauxDie Weinbranche und die Freunde des Bordeaux richten ihre Augen auf den Jahrgang 2015: Er soll Erzeuger und Händler aus dem Trend rückläufiger Verkäufe und bescheidener Qualitäten herausreißen. Die Kunden hoffen auf einen besonderen Wein zu fairen Preisen. 2015 wird als exzellenter Bordeaux-Jahrgang geschätzt, der außerdem wieder ordentliche Mengen bietet.

Zugleich hofft man an der Gironde, die Folgen der eigenen Dummheiten zu überwinden, die Gier und Maßlosigkeit in den Jahren 2009 und 2010 verursacht haben. Die Preise der Spitzenweine aus Frankreichs berühmtestem und wichtigstem Anbaugebiet stiegen in astronomische Höhen. Der Rebensaft wurde vom Genussmittel zum Spekulationsobjekt, mit der Folge, dass viele traditionelle Kunden sich angewidert abgewendet haben. Vor allem China stieg aus. Ganz Bordeaux hatte unter dem Image zu leiden, überteuert zu sein.

Der angesehene Kritiker Robert Parker, der viel zum preislichen Aufstieg der Bordeaux-Weine beigetragen hat, kritisierte das System der Terminverkäufe von Bordeaux-Weinen („vente en primeur“) als völlig aus dem Ruder gelaufen: Weine der teuren Jahrgänge, die als Primeur gekauft wurden, sanken später kräftig im Preis. Eine nachträgliche Korrektur, die das komplexe und wenig transparente System gerade durch das Finden eines angemessenen Preises vermeiden sollte. Wer also auf das legendäre Modell aus Erzeugern, Händlern und Maklern vertraute, war der Dumme. Ist es damit am Ende?

Patrick Bernard, Chef von Millesima, glaubt das nicht. Wir sitzen in seinem Depot am Quai de Paludate in Bordeaux, ganz nahe an der Garonne. Es ist kalt, 12 bis 13 Grad, ideale Temperatur für den Wein, nicht für den Menschen. Aber Bernard redet sich warm: „Das System funktioniert, wenn alle ihren gerechten Anteil an der Wertschöpfung haben: Erzeuger, Händler, Grossisten, Exporteure, Importeure, Einzelhandel und Kunde“, doch sei seit dem Jahrgang 2010 „neben dem Anteil der Châteaux nicht mehr viel für die anderen übrig geblieben“, sagt er dem Handelsblatt im Interview und schließt sich damit indirekt der Kritik an. Parker, der seit dem vergangenen Jahr keine Weine mehr benotet und an Neil Martin übergeben hat, habe dazu beigetragen, dass sich die Nachfrage auf Weine mit Spitzenbewertung von 95 oder mehr Punkten konzentriert habe und sich Preisblasen bildeten.

Bernard hat Millesima zum größten Internet-Händler für Spitzenweine gemacht. Nun übergibt er an seinen Sohn Fabrice. Doch vorher startet er noch einen weiteren Anlauf, seine Kundschaft auszweiten: „Wir beginnen, besonders guten Riesling aus Deutschland zu listen.“ Die Produkte exzellenter Lagen an der Mosel, im Rheingau und in der Pfalz sollen schon bald auf der Millesima-Preisliste zu finden sein. Sie treten damit neben die Gewächse aus Frankreich, Italien, Portugal, den USA und Australien.

Bernard will damit einen Erfolg wiederholen, den er zuerst in Italien erreicht hat: „Dank unserer Verbindungen und unserer Mitarbeiterin Viviana Vecchione haben wir ausgezeichnete italienische Weine ins Programm bekommen, das hat neue Kunden beeindruckt.“ Millesima habe damit seine Professionalität bei neuen Liebhabern unter Beweis gestellt, „die aber dann ganz andere Weine kaufen, vor allem französische.“ Bertrand hofft, dass sich dieser Effekt in Deutschland wiederholt: Riesling anbieten, um die Neigung der Kunden zu gewinnen und sie dann auch zu anderen Angeboten des Haues zu lotsen. Denn für einen deutschen Riesling braucht niemand ein Handelshaus aus Bordeaux.

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