Giftige Abwässer im Meer
Vietnams Meeresfrüchte-Industrie unter Schock

Vergiftetes Wasser spülte Tonnen toter Fische an Land: Nach einer Chemiekatastrophe in Vietnam stehen Meeresfrüchte dort nicht mehr besonders hoch im Kurs. Aber auch die Tourismusbranche kämpft ums Überleben.
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HanoiOb Frühlingsrollen mit Krabben oder Tintenfischsalat - in Vietnam gehören Meeresfrüchte und Fisch oft wie selbstverständlich auf den Teller. Aber vielen ist die Lust auf Lebensmittel aus dem Meer gehörig vergangen. Der Grund: Das Wasser ist gefährlich verschmutzt.

Aus dem taiwanesischen Chemiekonzern Formosa Plastics gelangten im Frühjahr giftige Abwässer ins Meer. Unzählige tote Fische wurden an die Küste gespült. Die Angst vor vergifteten Meerestieren ist seitdem allgegenwärtig. Immerhin erklärte die Regierung im September, dass die Küstengewässer noch immer durch giftige Chemikalien hoch belastet sind. Phenol ist dabei einer der gefundenen Hauptgiftstoffe. SS-Ärzte benutzten ihn während des Zweiten Weltkriegs, um Häftlinge in Konzentrationslagern zu töten. Wer langfristig kleine Dosen zu sich nimmt, schädigt seine Organe. Für Fischer und Händler ist die bleibende Gefahr eine Katastrophe.

„Alle hier wissen von dem Vorfall, deswegen möchte keiner unsere Produkte kaufen“, erzählt Luu Thi Lan, eine 52-jährige Meeresfrüchteverkäuferin. Seit April seien ihre Verkäufe um fast 90 Prozent zurückgegangen. Damals wurden die ersten toten Fische an die Küste gespült. Innerhalb von zwei Monaten wurden mehr als 100 Tonnen tote Fische entdeckt. Vietnams Premierminister Nguyen Xuan Phuc spricht von der „schlimmsten Umweltkatastrophe, die es jemals in Vietnam gab“.

Zwar hat Formosa der vietnamesischen Regierung rund 450 Millionen Euro gezahlt, um die betroffenen Fischer zu entschädigen. Doch die Regierung hat das Geld bisher nicht verteilt. Zudem wies am Montag ein Gericht eine Schadenersatzklage von Hunderten Fischern zurück. Die Fischer hätten keine ausreichenden Dokumente vorgelegt, um ihren finanziellen Schaden durch das Fischsterben nachzuweisen, hieß es zur Begründung.

Doch auch wenn die Fischer entschädigt werden: Verkäuferinnen wie Lan glauben nicht, dass die Kunden den Fisch essen. Lan musste ihren Laden zwischenzeitlich für zwei Monate schließen. Zwar hat sie ihn mittlerweile wiedereröffnet, kommt aber kaum über die Runden. Und sie gibt zu: Um die Kunden zu beruhigen, sagt sie ihnen, die Meeresfrüchte kämen aus einer von der Katastrophe nicht betroffenen Provinz im Norden. „Mit Sicherheit weiß ich es aber nicht.“

Eine von Lans wenigen Kunden ist Ho Thi Linh. „Ich habe nach Formosa vier Monate lang keine Meeresfrüchte gegessen“, sagt sie. Gerade habe sie wieder damit angefangen. „Aber nicht viel.“ Mit drei Tintenfischen verlässt sie den Laden.

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