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Gnadenfrist für Adecco

Die Banken gewähren dem Schweizer Unternehmen eine weitere Woche Zeit für seine Jahresbilanz. Die Zeitarbeitsfirma glaubt allerdings selbst nicht daran, diesen neuen Termin halten zu können

ZÜRICH. Der Schweizer Zeitarbeitskonzern Adecco bekommt eine letzte Frist von den Banken: Wie das Unternehmen gestern mitteilte, haben die Gläubigerbanken einen Kredit, der davon abhängig war, dass Adecco seine Bilanz Anfang dieser Woche veröffentlicht, um eine Woche verlängert. Bis zum 3. Mai soll Adecco nun endlich seinen Jahresschluss für 2003 vorlegen, fordern die Banken. Der Weltmarktführer der Zeitarbeitsbranche glaubt allerdings selbst nicht daran, diesen neuen Termin halten zu können: Er gab zu, dass er mit den Kreditgebern bereits über eine „längere Fristerstreckung“ diskutiere.

Branchenbeobachter sehen darin ein weiteres Alarmzeichen für eine Verschärfung der Krise. Die Banken würden offenbar unruhig und ließen sich nur noch auf minimale Fristverlängerungen ein. Außerdem müsse sich das Unternehmen, dessen Bonität erst in der vergangenen Woche von der Ratingagentur S&P auf „Junk“-Status heruntergestuft worden ist, die Verlängerungen sicherlich teuer erkaufen. Zum anderen ist durch Adeccos Reaktion klar, dass auch in den nächsten Tagen nicht mit der Vorlage der Bilanz zu rechnen ist. „Das ist alles andere als beruhigend“, sagt Chris Burger, Analyst bei der Bank Vontobel. Der Aktienkurs des Unternehmens ist seit Bekanntwerden der Bilanzprobleme um ein Fünftel abgerutscht.

Adecco hatte erst vor einer Woche eingeräumt, die Präsentation des Jahresabschlusses 2003 zum zweiten Mal verschieben zu müssen. Eine unabhängige Kommission, die Ungereimtheiten in der Bilanz des Unternehmens aufklären sollte, war mit ihrer Untersuchung nicht zum angestrebten Termin fertig geworden. Vielmehr deutet der Hinweis des Unternehmens, dass sich die Kommission derzeit der E-Mail- Korrespondenz der Führungskräfte widme, darauf hin, dass der Bilanzskandal nun auch die Chefetage erreicht hat.

Chronik eines Desasters
Januar: Adecco kündigt an, sein Ergebnis nicht wie geplant zu veröffentlichen. Von „Schwächen in der Buchführung“ ist die Rede. Adecco-Verwaltungsratschef Pieter Bouw gibt eine Pressekonferenz, in der er auf fast alle Fragen mit „kein Kommentar“ antwortet.

Februar: Der Konzern gibt Entwarnung. Es gebe keine Hinweise auf größere Unterschlagungen. Nähere Angaben macht er nicht.

März: Adecco nennt den 20. April als Veröffentlichungstermin für die Bilanz.

April: Adecco lässt den Termin platzen, weil eine unabhängige Untersuchungskommission noch zu keinem Ergebnis gekommen sei. Ein neues Datum gibt es nicht.

Die Entlassung des Finanzchefs Felix Weber, der nach der ersten Bilanzverschiebung im Januar seinen Hut nehmen musste, war bereits ein Indiz in diese Richtung. Als Nachfolger wurde am Freitag Jim Fredholm benannt, der bisher für das Kostensenkungsprogramm „Star“ bei der Deutschen Post World Net verantwortlich war. Fredholm eilt der Ruf eines „Aufräumers“ voraus.

Sein Job ist es, das Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen, bevor die Turbulenzen, in denen Adecco steckt, das Geschäft ruinieren. Vor einer Woche hatte Adecco einige spärliche Ergebnisse für das erste Quartal 2004 veröffentlicht, die alles andere als berauschend waren. Der Quartalsumsatz stieg lediglich um 5 %, Konkurrent Manpower schaffte in der gleichen Zeit ein Plus von 7 %. Dabei hatte Adecco mit außergewöhnlich niedrigen Preisen versucht, Marktanteile zu halten. Die Folge ist ein leichter Rückgang des Betriebsgewinns. Manpower dagegen hatte sein Ergebnis um beinahe 20 % verbessert.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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