Google, Facebook, Tui, Expedia
Der gläserne Urlauber

Armbänder mit Chips, per Mobilfunk gesteuerte Koffer und Smartphones, die Gewohnheiten der Urlaubsgäste ausspionieren: In der Reisebranche ist die Daten-Sammelwut ausgebrochen. Davor ist man auch zu Hause nicht sicher.
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LissabonMit den Kindern im Urlaub – und es regnet? Das Smartphone signalisiert Rettung. Auf dem Bildschirm flimmert ein passendes Ausflugsprogramm, das den Tag doch noch zum Erlebnis macht. Eine ausgeklügelte App, die gleichzeitig auf Reisedaten, Wetterberichte und Urlaubsveranstaltungen zugreift, liefert automatisch den Vorschlag. Willkommen im Datenparadies der Tui!

Zwei Keimzellen der schönen neuen Urlaubswelt, mit der Europas größter Reisekonzern nicht zuletzt sich selbst beglücken will, entstehen gerade auf der griechischen Ferieninsel Kos und einem Hotelressort in der Türkei. Dort verpasst Tui den Gästen testweise Chip-bestückte Armbänder („Smartbands“), die wie von Geisterhand Zimmertüren öffnen, Klimaanlagen regeln, Drinks bezahlen – und Nutzerdaten an die Tui-Smartphone-App „MyThomson“ versenden.

Dass diese wunschweise auch ans Einkremen gegen Sonnenbrand erinnert und den mitgereisten Nachwuchs überwacht, ist für Tui-Marketingchef Erik Friemuth nur ein hilfreicher Nebeneffekt. „Daten und Analytik“, erklärte er kürzlich auf einer Touristikkonferenz in Lissabon, „sind der Schlüssel zum Erfolg.“

Der Reiseriese aus Hannover ist mit seiner Datensammelwut in der Branche nicht allein. Auch der Disney-Konzern testet das Zusammenspiel von Funkarmbändern und Smartphone-Apps, um den Gewohnheiten seiner Gäste auf die Spur zu kommen. Stets geht es darum, Urlaubskunden möglichst viel zu verkaufen, aber auch die Kapazitäten im eigenen Unternehmen gleichmäßig auszulasten.

Bislang fuhren Reiseunternehmen zu diesem Zweck massiv die Werbung hoch – mit Vorliebe fürs Internet. Um mit den eigenen Angeboten gefunden zu werden, überboten sie sich insbesondere bei Google. 2,2 Millionen Euro überweist Deutschlands Reisebranche aktuell der Suchmaschine – pro Tag. Von jeder Reisebuchung gehen damit 17,5 Euro an die Amerikaner, und das, obwohl nur 1,2 Prozent der über ihr Portal gestellten Urlaubsanfragen mit einer Buchung enden. Kein Wunder, dass viele Reiseanbieter längst nach Alternativen Ausschau halten, um an die Daten ihrer Kunden zu gelangen. Und das mit erstaunlicher Offenheit.

Die Softwarefirma Olset beispielsweise buhlt um Geschäftsreisende mit dem Angebot, ihnen auf Hotelanfragen nicht mehr als drei Vorschläge zu unterbreiten. Das in San Francisco von Gadi Bashvitz gegründete Unternehmen greift unverhohlen auf die Surf-Geschichte ihrer Reisekunden zurück. Mit dem dadurch gefertigten Profil erstellt Olset per Algorithmus angeblich geeignete Übernachtungsofferten.

Als kaum verdeckter Datensammler präsentiert sich ebenso Bluesmart. Das vor zwei Jahren in San Francisco gegründete Unternehmen verkauft „Koffer, die nie verloren gehen“, und das zum Preis von knapp 400 Dollar. Ein eingebauter Chip sorgt dafür, dass GPS und Mobilfunk das Gepäck jederzeit orten. Gleichzeitig erzeugt der Koffer ständig Daten, die über das Smartphone abgerufen werden. Entfernt sich der Reisende etwa vom Gepäck, verschließt es sich automatisch. „Der Kunde kann damit vom App-Anbieter lückenlos verfolgt werden“, berichtet Bernd Schulz, Geschäftsführer des Buchungsdienstleisters Amadeus und Experte für Datensicherheit.

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