Großfusion in der Granini-Welt
Wenn Saftläden zerquetscht werden

Die Saftindustrie war früher mal friedlich: Viele kleine Traditionsfirmen existierten neben Handelsmarken-Riesen. Heute drohen die kleinen Firmen zerdrückt zu werden. Ein Mega-Deal sorgt für Unruhe in der Branche.
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DüsseldorfDie Geschichte über Deutschlands Saftindustrie könnte man gut ganz idyllisch beginnen lassen und darüber schreiben, wie es momentan bei den Apfelbauern zugeht, die im Herbst Hochkonjunktur haben. Doch während es auf den Obstplantagen trommelt und prasselt und bis in den späten November rund 400.000 Tonnen reife Früchte in Erntekörbe fallen und über Container und ratternde Förderbänder in die Saftflaschen wandern, bahnt sich in der Branche Ungeheuerliches an.

Refresco und Gerber-Emig – zwei der größten Getränke-Giganten – fusionieren. Vor wenigen Tagen haben die Kartellbehörden geräuschlos dem Mega-Deal zugestimmt, durch den ein 2,3 Milliarden Euro Umsatz schwerer Konzern entsteht. Eine Hochzeit mit Folgen, denn der Zusammenschluss des niederländischen Konzerns Refresco, der unter anderem „ja!“-Eigenmarken für die Rewe-Gruppe abfüllt, mit der britischen Gerber-Emig-Gruppe, unter anderem Eigenmarken-Hersteller für Tesco und Sainsbury, bringt Bewegung in eine Branche mit langer Tradition.

Alleine in Deutschland hat die Saftindustrie in den vergangenen Jahren eine rasante Entwicklung durchgemacht: Etwa 380 Fruchtsafthersteller erwirtschafteten 2012 laut Verband der Deutschen Fruchtsaft-Industrie (VdF) mit gut 7.500 Beschäftigten einen Gesamtumsatz von 3,9 Milliarden Euro. Das waren im Jahr 1999 noch 2,7 Milliarden Euro. Kein Wunder, die Deutschen sind schließlich Weltmeister im Safttrinken. So konsumiert jeder Deutsche im Schnitt pro Jahr acht Liter Apfelsaft. Dazu kommen neun Liter Apfelsaftschorle und 7,8 Liter Orangensaft. Insgesamt wurden 2012 3,7 Milliarden Liter Fruchtsaft hergestellt.

„Zwar geht der Pro-Kopf-Verbrauch seit Jahren langsam zurück, doch wir haben innerhalb von Europa noch immer einen sehr hohen Verbrauch“, sagt Thomas Hinderer, der die Eckes-Granini-Gruppe leitet. Das unabhängig geführte Familienunternehmen mit einem Umsatz von 900 Millionen Euro im Jahr ist in Deutschland die Nummer drei in der Liste der größten Fruchtsaftproduzenten.

Typisch für die Branche: Die wenigen großen Hersteller verdienen gut. „Die 20 größten Unternehmen vereinen 80 Prozent der Umsätze auf sich“, erklärt VdF-Geschäftsführer Klaus Heitlinger, dem Branchenverband der Safthersteller. „Dem gegenüber stehen sehr viele kleine und regionale Familienunternehmen mit Umsätzen von unter 10 Millionen Euro.“

Der Familienkonzern Eckes-Granini, der unter seinem Dach zahlreiche Marken wie Granini und Hohes C vereint, gibt sich angesichts der Mega-Fusion gelassen. Thomas Hinderer: „Wir konzentrieren uns auf unsere Stärken und nicht auf den Wettbewerb.“ Dazu muss man wissen, dass sich die Branche aus so genannten Private-Label-Herstellern, die für Handelsketten wie Aldi, Lidl und Rewe produzieren und Markenherstellern wie Eckes-Granini, Valensina oder Beckers Bester zusammen setzt. Bislang eine relativ entspannte Ko-Existenz. „Es gibt in jedem Markt sowohl Platz für Marken als auch für No-Name-Produkte“, sagt Hinderer. „Das betrifft nicht nur die Saftindustrie.“ Doch die Großfusion der europaweit tätigen Getränkehersteller Refresco und Gerber Emig bringt Bewegung in die Branche, die sich massiv im Konsolidierungsprozess befindet.

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  • Das ist eben freie Marktwirtschaft und damit der Beweis, dass die EU doch noch nicht auf die Planwirtschaft zusteuert.

  • Auch kleinere Unternehmen könnten mit ihresgleichen fusionieren, um relative Nachteile, die ja bereits in der Vergangenheit gegenüber den Großen bestanden, durch Größengewinn zu kompensieren.

    Tun sie aber wohl eher nicht, weil es oft Familienbetriebe sind und das auch bleiben wollen. Nur niemanden ins Boot holen, den man dann mitreden lassen muss und wo man sich dann immer schwerer tut, die eigenen Familienmitglieder im Unternehmen unterzubringen, um diese versorgt zu wissen.

    Ich gönne ja jedem seine Nische, bin aber selbst ebenso jemand, der praktisch nur bei Lidl/Aldi einkauft und der damit gar nicht mehr in Kontakt mit Marken- oder Nischenprodukten kommt und selbst wenn Markenprodukte mit im Regal stehen würde, aus Preisgründen zu den anderen greifen würde, die nicht schlechter, aber signifikant billiger sind.

    Dabei hätte ich an sich gar kein Problem mit den Preisen von Markenprodukten, wenn sich nur mein Einkommen in den letzten 15 Jahren so entwickelt hätte wie die Preise für diese Markenprodukte. Hat es aber nicht, sondern es stagniert praktisch seit 15 Jahren, und zwar nicht nur real, sondern nominal. Ich denke mal, dass ich da nicht der einzige bin. Dh Markenprodukte wurden für mich relativ immer teurer und daher kaufe ich sie nicht mehr.

  • "Ich gebe nur zu Bedenken, dass halt dann immer mehr Leute arbeitslos sind.
    In anderen Branchen ist das übrigens das gleiche. "

    Nicht nur das, es gibt immer weniger Unternehmer und Leute die auch wieder neue Arbeitsplätze schaffen, auch welche die über ABM-Maßnahmen hinausgehen.
    Und das halte ich für das größere Problem.
    Produktionsverdichtung, Firmenzusammenschlüße und durch immer besser Methoden werden überall auf der Welt Arbeitsplätze verloren gehen, auch in China und den anderen Schwellenländern. Um ein Auto zu bauen wird man in einigen Jahren immer weniger Leute brauchen, und um die Riesenfelder abzuernten auch.
    Es werden immer mehr Menschen einer hochspezialisierten Elite gegenüber stehen, gegen die man sich scheinbar nicht wehren kann.
    Das geschieht umso schlimmer je mehr man sich Forschung und Bildung verschließt, die Informationsgesellschaft mal andere machen läßt und man doch lieber Informationen ausschließt statt sich hier Kompetenzen zu erarbeiten. NSA und Google etc. läßt grüßen. Stattdessen macht man sich doch lieber Gedanken wie man z. B. eines Webmasters habhaft wird um ihn von der Jurispudenz abzocken zu lassen.
    Aber man hat ja seine Industrie, auf die kann man sicher stolz sein, aber auf den Rest nicht. Und der ist mindestens genauso wichtig, will man denn die verlorenen Arbeitsplätze ersetzen. Leiharbeit und Pferdefleisch können auch nicht die Lösung sein, und nur rummeckern und sich an vermeintlichen Verschwörungen zu ergötzen, auch nicht.

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