Handelsblatt Deutschland Dinner
Das Leiden der Europäer

Airbus-Chef Tom Enders und Total-Boss Christophe de Margerie fordern auf dem Handelsblatt Deutschland Dinner eine neue Politik von Brüssel. Europa sei am Scheideweg angelangt.
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MünchenDas ist Europa. Zwei Deutsche und ein Franzose sitzen auf dem Podium. Der gemeinsame Nenner, die gemeinsame Sprache ist – Englisch. Handelsblatt-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs trifft beim Deutschland Dinner in München auf Tom Enders, den Vorstandsvorsitzenden der Airbus Group, und auf Christophe de Margerie, den Chef des großen französischen Energiekonzerns Total. Nicht nur bei der gemeinsam verwendeten Sprache, sondern auch beim Thema dieses Abend herrschte schnell Einigkeit auf deutscher und französischer Seite: Europa ist zwar ökonomisch ein Riese, politisch aber immer noch ein Zwerg.

Schon nach wenigen Minuten ist klar: Enders und de Margerie sind beide bekennende Europäer und Freunde. Vor mehr als 300 Handelsblatt-Gästen im stimmungsvollen Festsaal des Münchener Bayerischen Hofes machen sie deutlich, dass sie keine Alternative zum Prozess der europäischen Einigung sehen. Doch zugleich leiden sie unter Europa und speziell an den Institutionen der Europäischen Union. Die EU nutze ihr wahres Potenzial nicht, sie bleibt unter ihren Möglichkeiten.

„Da gibt es niemanden in Brüssel, der alles zusammenbindet“, kritisiert Tom Enders an erster Stelle. Bei den Kommissaren mangele es häufig genug an der unbedingt erforderlichen Zusammenarbeit. Europas größter Handlungsbedarf liege bei der Jugendarbeitslosigkeit. „Es schmerzt“, meint Enders. Europa müsse dieses Problem besonders schnell in den Griff bekommen. Bis zu 50 Prozent Arbeitslose unter Jugendlichen in einigen Ländern Europas seien auf Dauer nicht tragbar.

Nicht nur bei der Sprache können sich Enders und de Margerie schnell auf Englisch einigen. Beide wollen die aufrührerischen Briten auf jeden Fall in der EU halten. „Das Vereinigte Königreich muss bleiben“, fordert de Margerie. Für Tom Enders ist Großbritannien unverzichtbar. Allein schon deshalb, weil die Wirtschaftskapitäne und die Politiker von der Insel liberale Ideen nach Europa bringen, die den Wettbewerb und die Marktwirtschaft in der Union auf Vordermann bringen.

Der Airbus-Chef hat sogar eine Vision parat, mit der sich die Briten tatsächlich in der Union halten ließen. „Europa muss das Prinzip der Subsidiarität wieder entdecken“, verlangt Enders. Brüssel sollte einen Teil seiner Kompetenzen wieder auf die nationale Ebene zurück verlagern. Die „Vereinigten Staaten von Europa“ mit einer hohen Zentralisierung seien nicht nötig. Eine größere Rolle würde Enders Europa nur in der Außen- und in der Verteidigungspolitik zuschreiben. Käme es zu solchen Änderungen, würden sich die Briten auch viel einfacher in der EU halten lassen.

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  • Offensichtlich ist man inzwischen in seinen Überlegungen soweit gekommen, dass mit den Briten eine Politik hin zu einem zentralistischen Konglomerat "Vereinigte Staaten von Europa" nicht zu machen ist.

    Die EU als Institution im Interesse aller europäischen Völker, Staaten und Gesellschaften mit Einschluß von UK so zu entwickeln, dass diese Interessen global gewähleistet sind, ist nur mit dem Prinzip der "Subsidarität" nicht aber mit dem Prinzip der Zentralität zu bewerkstelligen.

    Ob die Einheitswährung Euro, die keine "atmende" Währung ist, den sehr unterschiedlichen Stärken der europäischen Ökonomien optimal angemessen ist, darf hngegen mit Gründen angezweifelt werden.

    Die beklagte Jugendarbeitslosigkeit in den Problemländern ist zurückzuführen nicht nur auf strukturelle Mängel der betreffebdeb Volkswirtschaften sondern auch darauf, dass der Einheitseuro für diese Länder zu hoch bewertet ist und keine Abwertungsoptionen mehr bestehen.

    Geldpolitisch ist der Einheitseuro für Europa global nicht wirklich unabdingbar, eine Optimierung der Währungssituation etwa hin zu einem Nord- Süd- Euro wie von Olaf Henkel vorgeschlagen, ist eine Alternative.
    Diese Zweiteilung wäre auch unter dem Dach einer EZB machbar, die eben Geldpolitiken für zwei Sektionen zu erarbeiten hätte.

    Die Wahlen zum europäischen Parlament haben gezeigt, dass die Politik der europäischen Eliten in den letzten Jahren
    nicht überzeugen konnte, sonst wäre der Erfolg der EU-kritischen bis offen ablehnenden Parteien nicht so groß gewesen.

  • Enders macht einen Schwenk. Früher war ihm die totale Einigung zu den Vereinigten Staaten von Europa ein Herzensanliegen. Man sieht , wie schnell ein Herzensanliegen sich ändern kann unter dem Eindruck der Massen, die eine EU zentralregierung ablehnen. Ist das nun Flexibilität von Enders oder schlicht Anpassung aus Furcht vor dem Rückgang seines Einflusses?
    In diesem Sinn sollte man die Aussagen von Wirtschaftsbossen immer leichter nehmen als sie klingen. Wirtschaftsbosse sind auch deshalb Bosse, weil sie in der Mitte des Stromes schwimmen. Sie können sich nur geringe Abweichungen erlauben, um ihre Kunden immer in freundlicher Laune zu halten, Kunden, welche ebenfalls auf Normalbürger als Kunden angewiesen sind...

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