Handelsblatt-Interview
„Am Ende ist alles eine Frage des Preises“

Tui-Chef Michael Frenzel spricht über Renditen, den Konkurrenten Thomas Cook und die Zukunft in Indien.

Herr Frenzel, auf den letzten Hauptversammlungen wurde Ihnen vorgeworfen, mit dem Umbau des einstigen Mischkonzerns Preussag zum Urlaubsriesen Tui Werte vernichtet und das Unternehmen in eine unsichere Zukunft geführt zu haben. Können Sie den Aktionären morgen bessere Perspektiven bieten?

Frenzel: Ich werde nüchtern Bilanz ziehen. Verdoppelung unserer operativen Ergebnisse im Jahr 2004; Anstieg des touristischen Ergebnisses um 74 Prozent; deutliche Erholung unseres Kurses. Wir haben das Pech gehabt, mit der gesamten Touristikbranche in den Jahren davor in ein tiefes Tal zu rauschen. Doch da sind wir besser herausgekommen als viele Wettbewerber.

Auch in Deutschland?

Frenzel: Ja, wir können im Moment eine Abkopplung von der schwachen Inlandskonjunktur feststellen. Für die Hauptreisezeit im Sommer kaufen wir deshalb zusätzliche Flugkapazitäten. Ich bin zuversichtlich, dass wir unser Tourismusergebnis 2005 mit einem zweistelligen Prozentsatz verbessern werden.

Aber Tui hat durch milliardenschwere Desinvestitionen etwa im Energiegeschäft viel Substanz verloren. Ihnen bleibt nur noch die Schifffahrtsperle Hapag-Lloyd und die krisenanfällige Touristik.

Frenzel: Die beste Substanz nutzt nichts, wenn Sie keinen Ertrag aus ihr ziehen können oder in vielen Geschäftsfeldern ohne Zukunft tätig sind. Der Tourismus wird weltweit weiter wachsen. Tui wird überdurchschnittlich davon profitieren. Und unter dem Strich verdienen wir schon heute unsere Kapitalkosten.

Von der versprochenen fünfprozentigen Umsatzrendite ist Tui aber noch weit entfernt.

Frenzel: Diese Zahl geistert seit langem durch die Diskussion. Sie stammt nicht von uns, aber wir lassen uns daran messen. Wir wollen nachhaltige Renditen in solchen Größenordnungen erzielen. Wir wollen deutlich höhere Ergebnisse erzielen als im Rekordjahr 2001. Damals lagen wir bei 530 Mill. Euro. Das war besser als das beste Preussag-Ergebnis.

Eine Studie der Berliner Humboldt-Universität rechnet vor, dass Sie mit den Erlösen aus dem Verkauf früherer Preussag-Geschäftsfelder in Aktien-Portfolios 8,8 Mrd. Euro erzielt hätten. Der aktuelle Börsenwert der Tui liegt gerade mal bei gut drei Mrd. Euro.

Frenzel: Die Studie geht von falschen Prämissen aus – von der sukzessiven Liquidation des Unternehmens. Das kann ja wohl nicht die Alternative sein. Statt zu liquidieren, beschäftigen wir heute 50 000 Arbeitnehmer in der Touristik und schaffen nachhaltige Werte.

Weshalb geben Investoren dem Modell des integrierten Reisekonzerns trotzdem keine großen Zukunftschancen?

Frenzel: Das galt für die Vergangenheit. Da war viel Psychologie im Spiel: Natürlich sind durch Krieg, Terror und Naturkatastrophen in 2002 und 2003 viele Investoren verschreckt worden. Einige haben mit dem britischen Reisekonzern Mytravel auch hohe Summen verloren. Und die ganzen Spekulationen um Thomas Cook sind ebenfalls nicht hilfreich für die Branche. Unsere nachhaltig gute Entwicklung aber wird die Finanzmärkte dauerhaft überzeugen.

Sie sprechen den möglichen Ausverkauf Ihres Rivalen Thomas Cook an, dessen Eigner Karstadt-Quelle und Lufthansa aus dem Urlaubsgeschäft aussteigen wollen. Interessieren Sie sich für Thomas-Cook-Töchter?

Frenzel: Wenn es um rentable Ergänzungen unseres Portfolios geht, sind wir immer interessiert. Am Ende ist alles eine Frage des Preises.

Im Klartext: Sie wären interessiert, wenn Ihnen die britische Thomas Cook UK angeboten würde?

Frenzel: Das wäre ein Thema, das mit Sicherheit die Kartellbehörden auf den Plan riefe, genau wie im Falle Neckermann. Insofern sehe ich keine realistische Chance.

In Finanzkreisen heißt es, dass auch die Thomas-Cook-Aktivitäten in Frankreich und Indien am Markt angeboten würden. Da sollten Sie weit weniger Probleme mit dem Kartellamt haben. Der in Frankreich bekannte Markenname Havas Voyages ging ja schon im März von Thomas Cook auf Tui über.

Frenzel: Aber nur die Marke, die wir preiswert erworben haben. Sie ist in Frankreich so bekannt, dass wir sie dort zu unserer Franchise- und Internetmarke machen werden. An der französischen Vertriebsorganisation von Thomas Cook haben wir definitiv kein Interesse.

Und Thomas Cook India?

Frenzel: Thomas Cook India als börsennotierte Gesellschaft hat einen für uns nicht attraktiven Wert.

Eine Airline im Portfolio zu halten gilt als riskant. Tui betreibt gleich mehrere: allein in Deutschland die Chartergesellschaft Hapagfly (HLF) und die Billigflug-Tochter HLX. Können Reisekonzerne bei den niedrigen Ticketpreisen noch Geld im Fluggeschäft verdienen?

Frenzel: Aber gewiss. HLF hat 2004 wesentlich zu unserem besseren Ergebnis beigetragen. Und HLX wird 2005 die Gewinnschwelle erreichen.

Ist es nicht sinnvoller, das Geschäft künftig über eine gemeinsame Marke abzuwickeln?

Frenzel: Beide Flugbetriebe sind in der Führung gebündelt, eine Zwei-Marken-Strategie hat wegen unterschiedlicher Marktsegmente durchaus Sinn.

Reisekonzerne haben sich dem Internet nur zögerlich genähert. Das hat sich geändert.

Frenzel: Ja, wir wollen in den nationalen Märkten auch virtuell stark mit der Marke Tui auftreten. Was der Kunde im Internet braucht, ist Orientierung – und da ist Markenstärke von zentraler Bedeutung.

Doch dort sitzen als Platzhirsche Anbieter wie Expedia.

Frenzel: Die sind aber nur Händler und verfügen nicht über eigene Produkte. Wir sind heute auch in der virtuellen Welt Marktführer.

Und wenn sich Expedia – wie spekuliert wird – in den Veranstaltermarkt einkauft?

Frenzel: Sie werden vielleicht bestimmte Kontingente selbst vermarkten und damit ins Veranstalter-Risiko eintreten. Dann stehen sie aber voll im Wettbewerb mit den etablierten Touristikanbietern. Da fühlen wir uns gut gerüstet.

Welche Rolle spielen neue Märkte außerhalb Europas? Ist der Einstieg in Indien mehr als ein exotisches Abenteuer?

Frenzel: Unser Kernmarkt bleibt auf Jahre hinaus Europa. Aber wir müssen an übermorgen denken. Indien und China, wo wir jeweils über lokale Partner präsent sind, versprechen mit wachsendem Wohlstand interessante Geschäfte.

Auf der Eigentümer-Seite hatten Sie Ende 2004 den Einstieg der spanischen Hoteliersfamilie Riu als langfristiges Engagement gefeiert, als diese zehn Prozent des WestLB-Anteils übernahm. Nun ist die Hälfte davon schon wieder verkauft.

Frenzel: Unser Ziel war, Gruppierungen von einem Einstieg bei Tui fern zu halten, die eher eigene als die Konzerninteressen im Auge gehabt hätten. Riu ist Tui als Hotelpartner lange verbunden und sicherte mit der Beteiligung sein Kerngeschäft und zusätzlich unser eigenes ab. Ich habe aber volles Verständnis dafür, dass dieses Engagement nicht zehn Prozent umfassen muss. Mir reichen fünf Prozent zur strategischen Absicherung.

Das Gespräch führten Matthias Eberle und Eberhard Krummheuer.

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